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Klara und die Sonne

Was passiert, wenn eine künstliche Intelligenz die Welt mit den Augen eines Kindes betrachtet? Taika Waititi macht aus Kazuo Ishiguros dystopischem Bestseller KLARA UND DIE SONNE ein lichtdurchflutetes Science-Fiction-Märchen, das mit viel Charme beginnt, im dritten Akt aber zunehmend ins Stolpern gerät.

OT: Klara and the Sun (UK/IND/USA 2026)

Darum geht’s

In einer nicht allzu fernen Zukunft wird die „Künstliche Freundin“ Klara (Jenna Ortega) – ein Auslaufmodell – von der Jugendlichen Josie (Mia Tharia) ausgewählt, um ihr Gesellschaft zu leisten. In ihrem neuen Zuhause lernt Klara Josies Mutter Chris (Amy Adams) kennen und erfährt mehr über die schwierige Situation der Familie, denn Josie leidet unter schweren gesundheitlichen Problemen. Fest entschlossen, ihrer neuen Freundin zu helfen, setzt Klara große Hoffnungen in die heilende Kraft der Sonne. Während sie versucht, Josie zu retten und die Beziehungen innerhalb der Familie besser zu verstehen, spielt auch Josies bester Freund Rick (Aran Murphy) nach und nach eine immer größere Rolle für Klara. Denn je mehr sie über die Menschen und ihre Gefühle lernt, desto deutlicher wird, dass ihre Aufgabe weit über die eines gewöhnlichen Begleitroboters hinausgehen soll…

Kritik

Ohne den Anspruch darauf, konkrete Antworten zu finden, beschäftigt sich der japanische Autor Kazuo Ishiguro gern mit den großen Fragen der Menschheit. In seinem 2021 erschienenen Roman „Klara und die Sonne“ widmet sich der Literaturnobelpreisträger der Frage, was uns eigentlich menschlich macht und ob künstliche Intelligenz jemals mehr sein kann als eine bloße Nachahmung unserer selbst. Im Mittelpunkt steht eine sogenannte „künstliche Freundin“ (im Original: „Artificial Friend“, kurz „AF“), die einem einsamen, schwer kranken Mädchen Gesellschaft leisten soll. Doch hinter dieser zunächst recht überschaubaren Prämisse verbirgt sich eine melancholische Zukunftsvision, die vor allem die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens aufwirft. Gerade in einer Zeit, in der KI-gestützte Gesprächspartner zunehmend unseren Alltag prägen und Einsamkeit längst kein gesellschaftliches Randphänomen mehr ist, hat Ishiguros Geschichte kaum an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil. Daher ist es nun auch besonders interessant, was Regisseur Taika Waititi aus dieser Vorlage gemacht hat. Der neuseeländische Filmemacher, der in „Jojo Rabbit“ schon einmal eine (in diesem Fall äußerst niederschmetternde) Geschichte durch die Augen eines kindlich-naiven Außenseiters erzählt hat, scheint also auf den ersten Blick eine durchaus passende Wahl für eine Filmadaption zu sein.

Mutter Chrissy (Amy Adams) ist äußert skeptisch gegenüber der „Künstlichen Freundin“ Klara (Jenna Ortega).

Diese Mutmaßung bestätigen direkt die ersten, sonnendurchfluteten Bilder, sobald „Klara und die Sonne“ über die Leinwand flimmert. Anstelle einer zurückhaltenden, melancholischen Zukunftsvision erwartet das Publikum eine auffallend bunte, heitere und geradezu optimistische Welt. Sofern man das angesichts der Thematik denn überhaupt so nennen kann. Schließlich ist „Klara und die Sonne“ im Kern eine Dystopie, in der Künstliche Intelligenz längst Teil des menschlichen Alltags geworden ist und inzwischen sogar die Rolle zwischenmenschlicher Beziehungen einnimmt. Doch statt diese Entwicklung von Beginn an als bedrohliches Szenario zu inszenieren, entscheidet sich Taika Waititi für einen betont unbeschwerten Zugang. Hier findet sich selbst in den dunkelsten Momenten noch ein wenig des titelgebenden Sonnenscheins. Dabei zeigt sich schnell, dass „Klara und die Sonne“ vor allem eines ist: ungeheuer naiv. Allerdings erweist sich dies als bewusste Entscheidung, die eng mit der Erzählperspektive der Hauptfigur zusammenhängt. Die von „Scream“– und „Wednesday“-Star Jenna Ortega zurückhaltend, aber neugierig verkörperte KF verfügt nicht etwa über allumfassendes Wissen über die Welt. Ja, sie kann noch nicht einmal das Wetter vorhersagen! Bevor sie in ihr neues Zuhause kommt, ist sie vielmehr ein unbeschriebenes Blatt, das erst nach und nach lernt, wie Menschen funktionieren und welche unausgesprochenen Regeln ihr Zusammenleben bestimmen. Klara beobachtet zwar genau, zieht aus ihren Beobachtungen aber nicht immer die richtigen Schlüsse. Besonders deutlich wird das in ihrer Beziehung zur Sonne. Für Klara ist sie nicht einfach ein Himmelskörper, sondern eine geradezu göttliche Instanz, die der Welt ihre Energie schenkt und über eine besondere Heilkraft verfügt. Ihre Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert, ist also nicht bloß naiv, sondern auch ziemlich rührend.

„Neben seinen philosophischen Ausmaßen erweist sich der Film zudem als unterhaltsame Geschichte über zwei höchst unterschiedliche Freundinnen und ein Stück weit auch als klassischer Fish-out-of-Water-Film.“

Dank Klaras kindlicher Neugier und ihrem unerschütterlichen Vertrauen in das Gute wirkt „Klara und die Sonne“ als Beitrag zum dystopischen Sci-Fi-Kino durch und durch erfrischend. Auch der Kontrast zur sukzessive immer ernstere und düstere Züge annehmenden Grundthematik ist reizvoll. Und neben seinen philosophischen Ausmaßen erweist sich der Film zudem als unterhaltsame Geschichte über zwei höchst unterschiedliche Freundinnen und ein Stück weit auch als klassischer Fish-out-of-Water-Film. Das Erzähltempo ist hoch, darüber hinaus finden sich in den rund zwei Stunden Laufzeit keinerlei nennenswerte Längen. Dazu trägt auch die visuelle Ausgestaltung einen entscheidenden Teil bei: Das von schier endlosen Feldern umsäumte Wohnhaus und die (leider nur in wenigen Szenen zu sehende) Zukunftsstadt wirken bisweilen beinahe puppenhaft und verleihen der Welt einen leicht märchenhaften Charakter. Das erinnert stellenweise an einen zugänglicheren Terry Gilliam, während sich in der Mischung aus visueller Verspieltheit und ernsten Themen aber auch klar Taika Waititis Handschrift erkennen lässt.

„Klara und die Sonne“ ist visuell in erster Linie ein sehr warmer Film.

Allerdings gelingt es „Klara und die Sonne“ nicht, seine unterschiedlichen Facetten bis zum Ende überzeugend miteinander zu verbinden. So niedlich die Freundschaft zwischen Klara und Josie aufgrund ihrer Gegensätzlichkeiten auch anzusehen ist, bleibt Letztere abseits ihrer Krankheit blass. Auch Josies von einer unter ihren Möglichkeiten zurückbleibenden Amy Adams („Arrival“) gespielte Mutter erschöpft sich schnell in der Rolle der überfürsorglichen Frau, die aus Verzweiflung im Angesicht des nahenden Todes ihrer Tochter zu fragwürdigen Mitteln greift. Hinzu kommen einige vorhersehbare Entwicklungen, die der Film als überraschender verkauft, als sie es tatsächlich sind. Vor allem aber wirkt der Übergang zu den deutlich düsteren Konsequenzen dieser KI-Gesellschaft im letzten Akt ungelenk. Denn hinter der zunächst freundlich anmutenden Zukunft verbirgt sich natürlich doch eine Welt mit fragwürdigen Herangehensweisen an Themen wie etwa genetische Optimierung oder die Austauschbarkeit des (menschlichen) Individuums. In der Theorie ist das alles zweifelsohne spannend, doch angesichts des zuvor betont unbeschwerten Tonfalls wirkt der filmische Spagat zwischen märchenhafter Unterhaltung und dystopischer Gesellschaftskritik nicht immer stimmig.

„Hinzu kommen einige vorhersehbare Entwicklungen, die der Film als überraschender verkauft, als sie es tatsächlich sind. Vor allem aber wirkt der Übergang zu den deutlich düsteren Konsequenzen dieser KI-Gesellschaft im letzten Akt ungelenk.“

Fazit: Taika Waititi gelingt mit „Klara und die Sonne“ ein visuell verspieltes, unterhaltsames Science-Fiction-Märchen, das dank seiner naiven Hauptfigur einen erfrischenden Zugang zu komplexen Fragen rund um künstliche Intelligenz und Menschlichkeit findet. Allerdings bleiben die menschlichen Figuren blass und der Film verliert im zunehmend düsteren Finale seine erzählerische Balance.

„Klara und die Sonne“ ist ab dem 29. Oktober 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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