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Ballad of a Small Player

Mit BALLAD OF A SMALL PLAYER taucht „Konklave“-Regisseur Edward Berger tief in die Welt des Glücksspiels ein. Dabei geht es ihm nicht darum, den Reiz des Gewinnens zu feiern. Stattdessen ist es die morbide Faszination am Scheitern, die den Antihelden Lord Doyle vorantreibt. Das Ergebnis ist ein bitteres Drama über die Wechselwirkung aus Verführung und Selbstzerstörung.

OT: Ballad of a Small Player (DE/UK 2025)

Darum geht’s

Lord Doyle (Colin Farrell) ist eigentlich gar kein Lord. Sondern ein britischer Hochstapler und Spielsüchtiger, der ins chinesische Gambling-Paradies Macau geflüchtet, um hier seinen Schulden zu entkommen. Die Nächte verbringt er in Casinos oder billigen Hotels. Als nicht nur die Privatermittlerin Blithe (Tilda Swinton) ihn daran erinnert, dass sein Schuldendruck immer größer wird, begegnet er der rätselhaften Casino-Mitarbeiterin Dao Ming (Fala Chen), die sich bereiterklärt, ihm Geld zu leihen. Doch damit fangen die Probleme erst an. Im Rausch der Glücksspielmetropole verschwimmen für Doyle nach und nach die Grenzen zwischen Realität und Illusion. Und je länger die dringen benötigte Glückssträhne auf sich warten lässt, desto mehr ergeht er sich in selbstzerstörerischem Verhalten. Denn eigentlich findet er das Verlieren so viel reizvoller, als den schnellen Gewinn…

Kritik

Kaum ein deutscher Regisseur hat sich in den letzten Jahren so leise, aber nachhaltig international etabliert wie Edward Berger. Aus seinem Kriegsdrama „Im Westen nichts Neues“ und der Adaption des Robert-Harris-Romans „Konklave“ wurden von der Kritik und Publikum hochgelobte Erfolge, die bei den Oscarverleihungen ihres Jahrgangs eine entscheidende Rolle spielten. Beide Filme eint eine ruhige, kontrollierte Intensität, die Menschen in Extremsituationen zeigt. Berger interessiert vor allem die daraus resultierenden Stimmungen, weniger das große Spektakel. Dass er Letzteres trotzdem auch immer mit dazu liefert, liegt an der technischen Präzision, die seine Filme umgibt; mit einer makellosen Kameraarbeit und simplen, aber einprägsamen Scores. Mit Bergers neuem Werk ergibt sich rückblickend eine Art filmischer Dreiklang, in denen sich Berger nie primär für das System selbst interessiert, sondern für den Einzelnen darin. Er zeigt Menschen, die im Konflikt zwischen innerer Moral und äußerem Druck stehen. Seine Figuren? Keine Helden, sondern Menschen, die die Umstände ertragen, daran zweifeln und möglicherweise auch zerbrechen. Am Ende geht es immer um Macht und Moral, um Schuld und Schweigen und um die Gegenüberstellung von Versuchung und Verfall – ganz gleich ob in Militärkluft, im purpurnen Kardinalskleid oder im schweißnassen Smoking eines gefallenen Spielers.

Für den selbsternannten Lord Doyle (Colin Farrell) drängt die Zeit: die nächste Glückssträhne muss her.

Für die Darstellung von Letzterem ist es ein Leichtes, mit filmischen Mitteln an der glänzenden Oberfläche des Spielertums zu kratzen. Wie es etwa schon Paul Schrader in seinem zermürbenden Drama „The Card Counter“ tat, muss man eigentlich bloß das von James Bond und Co. massiv geprägte prunkvolle Image der Casino-Paläste gegen die schmucklosen Hinterzimmer derselben tauschen. In diesen riecht es nicht mehr nach Champagner, sondern nach abgestandenem Kaffee. Und übrig bleiben keine charmanten Hochstapler, sondern nur noch die ganz Hartgesottenen, die hier ihr Hab und Gut verspielen. Vom Gambling-Glamour ist da nichts mehr übrig. Zurück bleibt das nackte Prinzip des Spiels – und der Reiz des schnellen Geldes kippt in Trostlosigkeit. Diese Entzauberung hat etwas Faszinierendes, aber sie ist für sich genommen auch nicht sonderlich subtil. Umso spannender ist es da, mit welchem Ansatz sich Edward Berger seinem Protagonisten in „Ballad of a Small Player“ nähert. Angesiedelt in Macau, wo ein Großteil des Films auch tatsächlich gedreht wurde, darf es in dem Film an allen Ecken blinken und glitzern. Berger erhält den schönen Schein der chinesischen Spielermetropole aufrecht. Dieser befeuert Lord Doyles Hoffnung, dass die nächste große Glückssträhne nicht weit entfernt ist.

„Angesiedelt in Macau darf es in dem Film an allen Ecken blinken und glitzern. Berger erhält den schönen Schein der chinesischen Spielermetropole aufrecht. Dieser befeuert Lord Doyles Hoffnung, dass die nächste große Glückssträhne nicht weit entfernt ist.“

Doch auch wenn sich „Ballad of a Small Player“ über weitere Strecken regelrecht rauschhaft anfühlt, holt einen Colin Farrell („A Big Bolt Beautiful Journey“) in einer der besten Performances seiner Karriere mit seiner Verkörperung des „Fake-Lords“ Doyle schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Dieser ist nämlich weniger von einem hoffnungsvollen Streben nach dem wortwörtlichen Glück getrieben als vielmehr von einer nicht näher definierten Faszination für das Verlieren. Zwar benötigt Doyle ganz dringend einen fünfstelligen Geldbetrag, um in Macau weiterhin als Spieler tätig sein zu dürfen. Doch anstatt sich selbst im (sehr) kurzen Rausch eines Gewinns zu genießen, wohnt jedem Verlust etwas viel Größeres, fast schon etwas Existenzielles inne. Farrell gelingt es hervorragend, die selbstzerstörerischen Widersprüchlichkeiten seines Charakters in einer runden Figur zusammenzufassen. Irgendwann glaubt man auch als Zuschauer:in nicht mehr daran, dass dem Menschen Doyle wirklich damit geholfen wäre, all seine Schulden zu begleichen. „Ballad of a Small Player“ zeichnet Macau als eine Art Habitat, mit dessen Lebensfeindlichkeit nur ganz wenige Menschen dauerhaft zurechtkommen können. Und je länger die Handlung voranschreitet, desto mehr glaubt man daran, dass Doyle einer von ihnen sein könnte. Das fühlt sich manchmal etwas zäh an, denn irgendwann hat man die Symbolhaftigkeit des Ortes und dessen Einfluss auf Doyles‘ Charakter verstanden. Manche Szene, die eigentlich nur Bekanntes noch einmal erzählt, hätte es schlicht nicht gebraucht – und dabei geht der Film gerade einmal 100 Minuten, die sich dadurch insgesamt deutlich länger anfühlen.

Immer wieder erliegt Doyle der Glücksspielfaszination. Vor allem das Verlieren übt auf ihn eine hohe Anziehungskraft aus.

Vom Glücksspiel selbst bekommt man in „Ballad of a Small Player“ gar nicht so viel mit. Es sind vielmehr Doyles zahlreiche Begegnungen mit verschiedenen Figuren, die sein widerborstiges Charakterporträt inhaltlich unterfüttern. Seine wiederholten (und alles andere als beabsichtigten) Zusammenkünfte mit Privatermittlerin Cynthia Blithe geben der Story eine gewisse Dringlichkeit; Schließlich erinnert diese ihn permanent an die langsam heruntertickende Uhr – so langsam muss das Geld, ergo: die Glückssträhne irgendwo herkommen. Auch dank der exzentrisch-verhuschten Performance von Charaktermimin Tilda Swinton („The Room Next Door“) haben diese Szenen durchaus etwas Komisches, während die Orte, an denen sie und Farrell aufeinandertreffen, immer etwas Unwirtliches umgibt. Bei den langen Gängen mit den monoton-grellen Teppichmustern wähnt man sich bisweilen im Overlook-Hotel aus „Shining“. Wie gesagt: Alles an „Ballad of a Small Player“ unterliegt dem Aufrechterhalten des schönen Scheins – und ganz gleich, was für abgefuckte Abzweigungen Doyles Macau-Odyssee auch nehmen mag, der Anziehungskraft all dessen hier kann man sich auch als Zuschauer:in einfach nicht entziehen. Da muss man hin und wieder schon aufpassen, dass man dem Film in seiner Rauschhaftigkeit nicht auf den Leim geht. Die mentalen Zusammenbrüche der Hauptfigur, die inszenatorisch an Benedict Cumberbatchs Breakdowns in der ebenfalls von Berger inszenierten Serie „Patrick Melrose“ erinnern, wirken da fast schon ein wenig zu deutlich wie eine Erinnerung daran, dass man sich von all dem Glanz hier auf keinen Fall blenden lassen sollte.

„Alles an ‚Ballad of a Small Player‘ unterliegt dem Aufrechterhalten des schönen Scheins – und ganz gleich, was für abgefuckte Abzweigungen Doyles Macau-Odyssee auch nehmen mag, der Anziehungskraft all dessen hier kann man sich auch als Zuschauer:in einfach nicht entziehen.“

Die Begegnungen mit der geisterhaften Dao Ming, die Doyle einen nicht geringen Geldbetrag leiht, verleihen „Ballad of a Small Player“, der Vorlage getreu, etwas Mythisch-Überhöhtes. Sie ist Erlöserin und Spiegel zugleich, die ihn zwar immer wieder auf den Pfad der Erkenntnis lotst, diesen aber nicht als einfachen Ausweg vermittelt. Inwiefern ihre Figur überhaupt real ist, ließ schon die Romanvorlage mehr als offen. Für den Film profitiert Edward Berger stark davon. Umgibt „Ballad of a Small Player“ doch immer auch eine Aura des Übernatürlichen. Dass man sich darauf einlassen muss, steht außer Frage. Belohnt wird man dafür mit einer zur vielfachen Interpretation und auch Selbstreflektion einladenden Geschichte, die einen nicht nur mit den stillen Sehnsüchten des Protagonisten konfrontiert, sondern auch mit seinen eigenen. Denn jeder von uns hat irgendein Macau, worin er sich verlieren kann.

Die geisterhafte Dao Ming (Fala Chen) könnte Doyles Rettung sein…

Fazit: Mit „Ballad of a Small Player“ vollendet Edward Berger seinen stillen Zyklus über Menschen im moralischen Grenzbereich. Statt das Glücksspiel als Spektakel zu zeigen, nutzt er es als Spiegel innerer Leere und Selbsttäuschung. Colin Farrell überzeugt als zerbrechlicher Antiheld, während Bergers gewohnt präzise Inszenierung den Glanz Macaus zum Symbol des Verfalls macht. Ein hypnotisches Drama über Schuld, Versuchung und die Erkenntnis, dass jede und jeder sein eigenes Casino in sich trägt.

„Ballad of a Small Player“ ist ab dem 16. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen und ab dem 29. Oktober 2025 bei Netflix streambar.

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