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The Accountant 2

Nach neun Jahren kehrt Ben Affleck in der Rolle des autistischen Buchhalters Christian Wolff zurück und holt sich in THE ACCOUNTANT 2 Verstärkung in Form von Jon Bernthal an die Seite. Das ist vermutlich das Beste, was dieser auf insgesamt drei Teile ausgelegten Filmreihe passieren konnte.

OT: The Accountant 2 (USA 2025)

Darum geht’s

Eigentlich arbeitet Christian Wolff (Ben Affleck) als Buchhalter für die „bösen Jungs“. Doch in der Vergangenheit hat er sich als Experte für kompliziertere Probleme erwiesen, für dessen Bewältigung er auch mit der Polizei zusammenarbeitet. Einer dieser Weggefährten (J.K. Simmons) wird während eines Einsatzes ermordet – und drängt seine Kollegin Marybeth Medina (Cynthia Addai-Robinson) in einer kurzen Notiz, sich für die Lösung des Falles an Christian zu wenden. Der steht für eine Kooperation bereit, aber benötigt dafür ausgerechnet die Hilfe seines entfremdeten Bruders Braxton (Jon Bernthal), mit dem er so gar nichts gemeinsam hat. Zusammen mit Medina decken die zwei eine gewaltige Verschwörung auf, die bis in die höchsten Kreise eines Menschenhändlerrings reicht…

Kritik

Neun Jahre ist es her, seit Ben Affleck („Batman v Superman: Dawn of Justice“) zum ersten Mal in seiner Rolle des nahkampferprobten Steuerberaters Christian Wolff in Erscheinung trat. Mit diesem Alter fällt der Thriller „The Accountant“ noch lange nicht in die Kategorie jener Filme, die derzeit aus Nostalgie-Gründen wahlweise späte Fortsetzungen oder Legacyquels erfahren. Und ein übermäßiger Erfolg war der Erstling auch nicht, wenngleich er immerhin das Dreifache seines Budgets wiedereinspielte. Doch im Streaming folgte schließlich die große Offenbarung – und Amazon schlug zu, sicherte sich die Rechte und ermöglichte es Gavin O’Connor („Out of Play: Der Weg zurück“) somit, seinen von Anfang an anvisierten Plan, aus „The Accountant“ eine Trilogie zu machen, doch noch in die Tat umzusetzen. Zwischen Teil zwei und Teil drei sollen nämlich nicht noch einmal neun Jahre vergehen. Und das wollen wir auch dringend hoffen, denn wenn man sich die anvisierte Tonalitätsausrichtung der geplanten Trilogie einmal näher anschaut, dann steht zu erwarten, dass mit „The Accountant 3“ wohl der beste Teil der Reihe folgen wird.

Für Christian Wolff (Ben Affleck) beginnt der Stress schon bei der Wahl der richtigen Garderobe.

Das Fazit zum Erstling fiel an dieser Stelle einst eher verhalten aus. Wenig Action, wenig Thrill und im Genre damit vor allem eines: austauschbar. Auch Affleck überzeugte seinerzeit nur bedingt, obwohl sich zu Beginn von „The Accountant“ eigentlich ein spannendes Charakterporträt andeutete. Nur wusste der Film diese Versprechung schlussendlich nicht einzulösen. Womit dieser sich aber vor allem nicht unbedingt rühmen konnte, war Humor. Und dass die Fortsetzung „The Accountant 2“ davon eine ganze Menge hat, überrascht und freut zu gleichen Teilen. Diese gravierende Änderung macht der sich trotzdem nach wie vor im Thrillergenre einordnende Film in der ersten Szene mit Ben Affleck deutlich. In dieser nimmt sein Christian Wolff an einem Speed-Dating-Event teil, das sich zu Beginn noch mit seiner enormen Erfolgsquote brüstet, dessen Algorithmus von Wolff allerdings schon lange im Vorfeld entschlüsselt wurde. Folglich scharen sich die beziehungswilligen Frauen um ihn – und der Angehimmelte muss eine nach der anderen enttäuschen, denn die „Formel der Liebe“ in der Theorie zu dechiffrieren, macht aus Christian noch lange kein geeignetes Dating-Material. Entsprechend ernüchternd fallen die Reaktionen der Kandidatinnen aus.

„Der diesmal deutlich motiviertere Affleck bekommt mit Jon Bernthal seinen aus Teil eins bekannten Bruder Braxton an die Seite gestellt – ein waschechtes Match made in Heaven.“

Von hier an ist klar: „The Accountant 2“ konzentriert sich, weitaus mehr als Teils eins, auf den ambivalenten Protagonisten. Der Titel ist hier zwar nur noch ein leeres Versprechen (man sieht Christian überhaupt nicht mehr seiner eigentlichen Buchhalter-Tätigkeit nachgehen), dafür konzentrieren sich seine autistischen Tendenzen nun nicht mehr auf plumpe Klischeemotive, sondern integrieren sich ganz organisch in sein Spiel. Anstatt immer wieder mit dem Finger auf seine Spleens und Eigenheiten zu zeigen, gehen Gavin O’Connor und sein Drehbuchautor Bill Dubuque („Der Richter – Recht oder Ehre“) diesmal subtiler und damit auch irgendwie fairer mit ihrer Hauptfigur um. Vermutlich die einzig logische Konsequenz, wenn man bedenkt, dass „The Accountant 2“ zu weiten Teilen ein charaktergetriebenes Buddy-Movie ist. Dazu gehören allerdings immer zwei. Der diesmal deutlich motiviertere Affleck bekommt mit Jon Bernthal („The Amateur“) seinen aus Teil eins bekannten Bruder Braxton an die Seite gestellt – ein waschechtes Match made in Heaven. Die beiden Akteure haben eine hervorragende Chemie miteinander. Viele Dialogszenen wirken improvisiert, die Kabbeleien dadurch zu jedem Zeitpunkt authentisch und in gewisser Weise einfach nur niedlich. Natürlich ist das Motiv der beiden komplett gegensätzlichen Brüder, Freunde oder Arbeitskollegen ein altbekanntes. Aber hier kitzelt es aus den Darstellern einige komödiantische Highlights heraus, die man nach dem sehr ernsten ersten Teil so auf keinen Fall erwartet hätte.

Wiederwillig sucht die stellvertretenden Direktorin des US-Finanzministeriums (Cynthia Addai-Robinson) Hilfe bei Wolff.

Den sich kabbelnden Brüdern, die letztlich aber natürlich trotzdem immer am selben Strang ziehen, steht eine Thrillerhandlung gegenüber, mit der sich der lockere Buddy-Cop-Tonfall hin und wieder beißt. Nach dem Mord an Ray King, dem von J.K. Simmons („Juror #2“) gespielten Experten für Finanzkriminalität, führt Christian und Braxton die Spur unter anderem zu einer Gruppe von Menschenhändlern, die auch vor Kindern keinen Halt machen. Das ist eigentlich ganz schön harter Tobak. Und „The Accountant 2“ hätte ohne die schwungvollen Comedy-Einlagen auch ganz schnell ein deutlich ernsterer Genrekandidat werden können. So ist es einzig und allein Gavin O’Connors stilsicherer Regieführung zu verdanken, dass sich die beiden Ansätze in „The Accountant 2“ nicht allzu sehr im Weg stehen. Doch hin und wieder vermisst man ein wenig den erzählerischen Fluss. Ganz so, als wären sich alle Beteiligten bewusst, dass sie hier die ganze Zeit versuchen müssen, zwei komplett konträre Tonalitäten miteinander zu kombinieren – und sie dafür eher separieren als miteinander zu vereinen.

„Es ist einzig und allein Gavin O’Connors stilsicherer Regieführung zu verdanken, dass sich die beiden Tonalitäten in ‚The Accountant 2‘ nicht allzu sehr im Weg stehen. Doch hin und wieder vermisst man ein wenig den erzählerischen Fluss.“

Ausufernde Schusswechsel und Verfolgungsjagden bekommt man in „The Accountant 2“ eher weniger geboten. Auch wenn die finale Actionsequenz, eine wirklich gut choreographierte Schießerei zwischen Gut und Böse, dem Film seine Genre-Kategorisierung als Actionthriller endgültig aufdrückt, gehören zu den Highlightszenen des reinen Thrillerplots vor allem die Interaktionen zwischen Christian und seiner Armee hochintelligenter Jugendlicher, die aus ihrer IT-Zentrale heraus jedes noch so große (Computer-)Problem aus dem Weg räumen können. Irgendwelche Ansprüche an etwaigen Realismus sollte man an dieser Stelle zwar über Bord werfen, aber es verleiht dem sich ohnehin angenehm frisch anfühlenden „The Accountant 2“ zusätzliche Kurzweil. Und nach der Ankündigung Gavin O’Connors, Teil drei solle sich dann wirklich nur noch auf den Aspekt der Buddy-Comedy konzentrieren, kann man das Sequel wohl kaum noch erwarten.

Am besten im Team: Die beiden Brüder Brax (Jon Bernthal) and Christian im Einsatz.

Fazit: Eine Fortsetzung, von der wir nicht wussten, dass wir sie brauchten: Auf den eher durchschnittlichen, vor allem aber trockenen Thriller „The Accountant“ folgt eine Fortsetzung mit viel Humor, einem fantastischen Brüder-Duo und einem Fall, dessen Ernsthaftigkeit sich zwar mit den Kabbeleien zwischen Ben Affleck und Jon Bernthal beißt, der nach Genrestandards aber trotzdem ordentlich unterhält.

„The Accountant 2“ ist ab dem 23. April 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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