Website-Icon Wessels-Filmkritik.com

When Evil Lurks

In Argentinien hört dich niemand verrotten: Der Festival-Geheimtipp WHEN EVIL LURKS von „Terrified“-Regisseur Damián Rugna kommt endlich auch in die deutschen Kinos. Leider folgt nach einem großartigen Auftakt nach und nach die Ernüchterung, denn bis zum Schluss kann der Film die Begeisterung leider nicht aufrechterhalten.

OT: Cuando acecha la maldad (ARG/USA 2023)

Darum geht’s

Irgendwo in der tiefsten argentinischen Provinz entdecken die beiden Brüder Pedro (Ezequiel Rodríguez) und Jaime (Demián Salomón) eines Morgens die Überreste einer Leiche. Sie führt die zwei zu einem Haus in der Nachbarschaft, wo der Sohn von María Elena (Isabel Quinteros) nach und nach lebendig verrottet. Irgendetwas hat von ihm Besitz ergriffen, was nicht nur in dieser Gegend sein Unwesen treibt. Was genau dieses unsagbar Böse ist, werden Pedro und Jaime im Laufe der Zeit noch am eigenen Leib erfahren. Nun heißt es aber erstmal: Wohin mit dem Körper? Ihr Versuch, den Besessenen loszuwerden, mündet in einen gefährlichen Roadtrip, denn um sie herum scheint Niemand sicher zu sein – auch die Brüder nicht.

Kritik

Während es sich viele Genres und ihre Fans über die Jahre in ihren eigenen Konventionen gemütlich gemacht haben, sind Horrorliebhabende nach wie vor auf der Suche nach dem Next Big Thing. Und tatsächlich hat das Schauerkino in den vielen Jahrzehnten seines Bestehens immer wieder neue große und vorher so nicht dagewesene Highlights hervorgebracht. Und das auch in den letzten Jahren. Man denke da an die Filme von Ari Aster oder „Talk to Me“. Vielleicht liegt das auch daran, dass Horrorfans experimentierfreudig in der Auswahl sind; Das Genre lebt längst nicht nur vom US-Markt. Gerade das Ausland traut sich viel, wenn es darum geht, das Horrorkino neu zu erfinden oder zumindest um spannende Facetten zu ergänzen. Da wundert es auch nicht, dass sich mit „When Evil Lurks“ nun ein argentinischer Film einen Namen in der Horrorcommunity gemacht hat. Seiner Auswertung auf zahlreichen Festivals sei Dank. Zuvor zeichnete der Regisseur und Autor Demián Rugna für den mittlerweile ebenfalls als großer Indie-Geheimtipp gehandelten Schocker „Terrified“ verantwortlich, der vier Gruselgeschichten effektiv und mit Wiedererkennungswert ineinander verwob.

In „When Evil Lurks“ gelten ganz besondere Regeln im Umgang mit den Besessenen…

Wenn Rugna etwas beherrscht, dann ist es Atmosphäre. Und so ist auch „When Evil Lurks“ immer dann am stärksten, wenn er seine diffuse Spannung direkt ausspielt, ohne allzu viel zu zeigen. Im ersten Drittel werden gar Assoziationen mit der gefeierten Crime-Serie „True Detective“ geweckt. Nur dass wir uns hier nicht im US-amerikanischen, sondern im argentinischen Hinterland befinden. Irgendetwas Unbehagliches vergiftet – im wahrsten Sinne des Wortes – diesen eigentlich idyllischen Ort. Und dank der hervorragenden Effektemacher:innen und Make-Up-Spezialist:innen trifft der erste Blick auf „das Grauen“ direkt ins Mark. Ein bettlägeriger Mann, der nach und nach von einer unsichtbaren Macht zersetzt wird, ist weit mehr als nur ein Element des Films, sondern das ganz zentrale im ersten Drittel. Sein Anblick erschüttert erst, dann brennt er sich für immer in die Netzhaut ein – und gibt dem Wort „Besessenheit“ eine völlig neue Bedeutung. Das fügt auch dem Subgenre Besessenheitshorror eine eigene Facette hinzu. Egal was da von diesem armen Mann Besitz ergriffen hat, es hat die Macht, ihn von innen heraus zu zerstören.

„Irgendetwas Unbehagliches vergiftet – im wahrsten Sinne des Wortes – diesen eigentlich idyllischen Ort. Und dank der hervorragenden Effektemacher:innen und Make-Up-Spezialist:innen trifft der erste Blick auf ‚das Grauen‘ direkt ins Mark.“

„When Evil Lurks“ lässt sich grob in drei Abschnitte gliedern. Der erste – wirklich überragende – zeigt die Entdeckung des Besessenen durch die beiden Hauptfiguren. Hier gehen (visueller) Schockvalue und Atmosphäre Hand in Hand. Darüber hinaus lassen sich durch diesen einen Fall bereits viele Rückschlüsse darauf ziehen, welche Regeln hier draußen im verseuchten Argentinien gelten. Das Niveau seines hervorragenden Auftakts kann der Film allerdings nicht halten. Bereits im zweiten Drittel verheddert sich das Skript zunächst in Widersprüchlichkeiten innerhalb der ja eigentlich vor noch nicht langer Zeit eingeführten Regeln. Das Handeln der Figuren wird plötzlich allzu beliebig, zahlt nicht mehr auf jene Charaktere ein, die wir zuvor kennengelernt haben. „When Evil Lurks“ wird so mit jeder Minute willkürlicher. Das macht ihn zwar auch unberechenbar; Man kann sich nie sicher sein, was hinter der nächsten Plotecke lauert. Doch der Film beginnt mit der Zeit auch zu frustrieren. Die innere Logik hinter dem Gezeigten sollte man auf keinen Fall hinterfragen – und das führt zu Rissen in der Glaubwürdigkeit der Story insgesamt.

Was hat die alte Frau für Informationen, die den beiden Männern in ihrer Lage weiterhelfen könnten? Nun, eine ganze Menge…

Trotzdem hat auch das zweite Drittel zweifelsohne Highlights vorzuweisen. Eine Szene, in der ein Hund eine wichtige Rolle spielt, überrollt einen in ihrer Körperlichkeit. Zuvor muss man sich allerdings durch viel, viel Geschrei und Gezeter kämpfen. Das ist zwar dem Plot geschuldet und sagt viel über die Figurendynamik aus. Darüber hinaus ist es Demián Rugna hoch anzurechnen, wie viel Anarchie er auf der Leinwand zulässt. Aber es strengt auch an, nach einem so ruhigen, gediegenen Auftakt. Mehr noch als das permanente Gebrülle im zweiten Drittel verärgert im letzten dann allerdings eine Entscheidung, die das Konzept hinter „When Evil Lurks“ ad absurdum führt. Resultierte die Spannung bis dato doch vor allem daraus, was die vielen einzelnen Informationen im Kopf des Publikums für ein Gesamtbild ergeben, entscheidet sich Rugna im Finale für einen Erklärbärmonolog, der in seiner epischen Breite seinesgleichen sucht. Plötzlich sind die mysteriösen Leerstellen keine Leerstellen mehr, auf einmal werden wir mit der Nase auf das große Ganze gestoßen – und das kann mit all dem, was man sich bis dato selbst ausgemalt hat, längst nicht mithalten. So geht „When Evil Lurks“ gen Ende hin fast vollständig die Puste aus.

„Resultierte die Spannung bis dato doch vor allem daraus, was die vielen einzelnen Informationen im Kopf des Publikums für ein Gesamtbild ergeben, entscheidet sich Rugna im Finale für einen Erklärbärmonolog, der in seiner epischen Breite seinesgleichen sucht.“

Handwerklich wissen Demián Rugna und alle Beteiligten hinter sowie vor der Kamera trotzdem ganz genau, was sie da tun. Und vor allem: Was für eine Art Projekt sie hiermit vor sich haben. Aus den geringen finanziellen Mitteln holen sämtliche Abteilungen das Optimum heraus. Was vom Budget her nicht gezeigt werden kann, erledigen hier keine mauen Computereffekte, sondern wird ganz einfach der Fantasie der Zuschauenden überlassen. Immerhin bleibt die Atmosphäre dadurch bis zum Ende von „When Evil Lurks“ weitestgehend dicht. Das kann zwar die inhaltlichen Schwächen in der zweiten Hälfte längst nicht überdecken, aber es sorgt immerhin dafür, dass der Film bis zuletzt im Gedächtnis bleibt. Und sei es nur aufgrund einer verdammt echt aussehenden, langsam verrottenden, widerlichen Fast-Leiche.

Eine Szene, in der ausgerechnet ein Hund eine wichtige Rolle spielt, gehört zu den stärksten des gesamten Films.

Fazit: Nach einem überragenden Auftakt franst der argentinische Besessenenhorror „When Evil Lurks“ mit der Zeit immer mehr aus, bis ein ellenlanger Erklärbärmonolog schließlich zur dramaturgischen Bankrotterklärung wird. Völlig misslungen ist der Film auf keinen Fall, aber das immense Potenzial für einen neuen Genre-Meilenstein lässt Regisseur Demián Rugna leider ungenutzt.

„When Evil Lurks“ ist ab dem 27. Februar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

Die mobile Version verlassen