Nach mehrmaliger Startterminverschiebung kommt SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT jetzt auch endlich in die deutschen Kinos – und damit ein Film, der keiner Kritik bedarf, denn als vielleicht schönster der Welt kann man ihm höchstens eine Liebeserklärung machen. Aber lest selbst…

Der Plot
Das Leben des jungen Conor (Lewis MacDougall) ist alles andere als sorglos: Seine Mutter (Felicity Jones) ist ständig krank, er muss deshalb bei seiner unnahbaren Großmutter (Sigourney Weaver) wohnen, und in der Schule verprügeln ihn die großen Jungs. Kein Wunder, dass er jede Nacht Albträume bekommt. Doch dann wird alles anders: Als er wieder einmal schweißgebadet – um punkt sieben Minuten nach Mitternacht – aufwacht, hat sich der alte Baum vor seinem Fenster in ein riesiges Monster verwandelt und spricht zu ihm. Ist das noch der Traum – oder ist es Realität? Das weise Monster beginnt, ihm Geschichten zu erzählen. Fortan kommt sein ungewöhnlicher Freund jede Nacht und seine Erzählungen führen Conor auf den Weg zu einer überwältigenden Wahrheit…
Kritik
Dies ist keine Review. Dies ist eine Liebeserklärung. Eine Liebeserklärung an einen Film, der mich als aller erster in der Geschichte meiner Filmjournalisten-Laufbahn all meine mir selbst auferlegten Prinzipien als Kritikerin über den Haufen schmeißen lässt. Manchmal muss man das, um sich selbst und seiner Arbeit treu zu bleiben. Ich werfe die an mich selbst gestellten Anforderungen an eine Review über Bord. Vergesse, was ich jemals über Objektivität und Subjektivität gesagt habe. Verdränge, dass man Reviews normalerweise nicht aus der Ich-Perspektive schreibt und dass bei einer Kritik ja eigentlich der Leser – ergo: der potenzielle Kinogänger – im Fokus stehen sollte. Doch all diese irgendwann zum Mechanismus gewordenen Regeln und Arbeitsschritte dürfen im Falle von J.A. Bayonas Romanverfilmung „Sieben Minuten nach Mitternacht“ nicht gelten. Wer das bestimmt? Ich! Denn dem in Spanien zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten gewordenen Jugendfantasydrama ist etwas gelungen, was nur wenigen gelingt. Und einem Film schon gar nicht. Er hat mir mein Herz gebrochen. Der Regisseur von „Das Waisenhaus“ und „The Impossible“ hat es genommen und mit jeder Minute fortlaufender Spieldauer in seine Einzelteile zerlegt. Doch nicht nur das. Anschließend hat er es umso behutsamer wieder zusammen gesetzt. Darüber eine Kritik schreiben? Wie könnte ich!
Haben Sie schon mal versucht, zu begründen, warum Sie jemanden oder etwas bedingungslos lieben? Sie werden festgestellt haben, dass das nahezu unmöglich ist. Denn wie es das Wort „bedingungslos“ bereits andeutet, sind an eine solche Liebe eben keine Bedingungen geknüpft. Sie akzeptieren alles. Stärken, Schwächen – Sie akzeptieren sogar Dinge, die Sie an Anderen möglicherweise abstoßend fänden. Einfach, weil ein Gesamtpaket viel zu langweilig wäre, würden ihm die berühmt berüchtigten Ecken und Kanten fehlen. Bei „Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist es ganz genauso. Um seine ganze Schönheit zu begreifen, reicht es nicht aus, sich ausschließlich auf die Dinge zu konzentrieren, die auf den ersten Blick besonders einladend erscheinen. Denn eigentlich ist die Geschichte hinter dem im Original „A Monster Calls“ betitelten Drama alles andere als das. Es geht um den Tod. Um Schmerz. Um Trauer. Um Verlust. Aber es geht auch um Hoffnung und darum, sie wiederzufinden, selbst wenn sie längst verloren scheint. Doch J.A. Bayona gelingt etwas, womit er all diese negativ intonierten Begriffe umkehren kann – und eine Schönheit entfalten, die noch reiner, noch purer und damit letztendlich noch vollkommener ist, als jene, die uns selbst die rührseligsten (Hollywood-)Filme tagtäglich vorgaukeln. Dass er dafür durch die Augen eines Kindes blickt, ist da nur konsequent. Als Erwachsener, immer häufiger ein Synonym zu „Zyniker“, möchte man vielleicht hier und da dazu tendieren, „Sieben Minuten nach Mitternacht“ als manipulativ zu beschimpfen. Ich nicht. Ich habe mich darauf eingelassen, die Ereignisse auf der Leinwand aus der Sicht eines Jungen zu erleben; zu alt, um noch ein Kind zu sein, zu jung, um schon erwachsen zu sein.
J.A. Bayona, dem es wie kein Zweiter gelingt, die Befindlichkeiten seiner meist noch jungen Protagonisten zum Ausdruck zu bringen, nimmt all den Schmerz seines so herausragend unschuldig von Lewis MacDougall („Pan“) gespielten Conor, um die ihm inne wohnende Kraft zunächst in Form des Monsters zu visualisieren und anschließend auf das Publikum loszulassen. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ überrollt uns wie eine Lawine aus Emotionen, die vor allem deshalb so vollkommen in Mark und Bein übergeht, weil die Geschichte Dinge anspricht, die jeder schon einmal erlebt hat. Conor muss sich im Anbetracht eines drohenden Verlustes für eine Seite entscheiden: Verdrängung oder Akzeptanz. Doch wie soll einem das gelingen, wenn man die Akzeptanz an sich nicht akzeptieren kann? Um der Frage (und damit dem Beginn einer ersten Auseinandersetzung) zu entgehen, würde Conor am liebsten flüchten; bis er eines Tages jemanden findet, der ihn auf einen Weg begleitet, dem sich selbst abgeklärte Erwachsene nicht gewappnet fühlen. Das von Liam Neeson („Non-Stop“) mit Wärme, Güte und schier unermesslicher Kraft verkörperte und durch Stop-Motion zum Leben erweckte Monster nimmt sich dieser Aufgabe an – und wird zugleich zum Spiegelbild für Conors Hilflosigkeit, die das Monster mit der Erzählung von drei ganz unterschiedlichen, mithilfe von schlicht wunderschön gemalten Aquarellen veranschaulichten Anekdoten aus seiner Vergangenheit aufzufangen versucht. Die vierte Geschichte soll schließlich jene von Conor selbst sein. Doch wenn man einmal ganz ehrlich ist, geht es in „Sieben Minuten nach Mitternacht“ von der ersten Sekunde an nicht (nur) um das Schicksal von Conor; wird das Monster zum Spiegelbild des Jungen, entfaltet sich der Film nach und nach als Spiegelbild von uns selbst. Die von ihm dargebotene Oberfläche dient nur der Projektion. Wir sehen uns, unsere Ängste, unsere Trauer und unsere Wut. Und vielleicht hassen wir uns im ersten Moment dafür…
Dass J.A. Bayona seine Figuren liebt, bedeutet im Umkehrschluss, dass er uns liebt. Das wiederum führt dazu, dass „Sieben Minuten nach Mitternacht“ auf eine Sache hinaus läuft: lieben wir die Figuren, lieben wir uns. Eine Erkenntnis, die meine Unfähigkeit vom Beginn unterstreicht, über diesen Film eine herkömmliche Review zu verfassen. Natürlich lassen sich verhältnismäßig oberflächliche Details wie die technische Ausführung (die Effekte sind dezent, aber überragend!), die Kameraarbeit (Oscar Faura, „The Imitation Game“), die Musikgestaltung (nicht nur der zwischen zurückhaltend und mächtig chargierende Score von Fernando Velázquez bleibt im Kopf, sondern auch der Titelsong „Tear Up This Town“ von Keane) oder die Darstellerleistungen (neben Lewis MacDougall brillieren unter anderem Felicity Jones und Sigourney Weaver) qualitativ einordnen. Doch obwohl all das ja eigentlich dazu beitragen würde, den ohnehin unermesslich positiven Eindruck weiter zu bestärken, wirkt es im Zusammenhang mit „Sieben Minuten nach Mitternacht“ als großes Ganzes vollkommen nichtig. Der mit seinen 108 Minuten keine Sekunde zu lang geratene Film dringt in einen Bereich vor, in dem Dinge, die anderswo von Ermessen wären, unwichtig sind. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist nicht einfach nur ein Film. Er ist eine viszerale Erfahrung, die uns in letzter Instanz zu etwas zwingt, was kein Mensch kann: Er entscheidet sich für uns zwischen Verdrängung und Akzeptanz, wenn wir gezwungen werden, all das Unschöne aus unserer Vergangenheit noch einmal hervorzukramen, um sich mithilfe von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ damit auseinander zu setzen. Vielleicht wird das einigen nicht gefallen. Auch mir kam es für einen Moment einer Nötigung gleich, mir ohne zu fragen das Herz brechen zu lassen. Doch als es vorbei war, habe ich sie erkannt: die pure Schönheit von „Sieben Minuten nach Mitternacht“.
Ein Fazit zu „Sieben Minuten nach Mitternacht“ zu verfassen, würde bedeuten, all die von diesem Film ausgehende Wucht zusammenfassen zu wollen. Zu zähmen, was nicht gezähmt werden darf, die Kraft zu bündeln, und zum Abschluss zu bringen was auch nach seinem Ende noch fortbestehen muss. Ein Film wie dieser braucht kein Fazit. Er braucht ja noch nicht einmal eine Kritik…
„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist ab dem 4. Mai in den deutschen Kinos zu sehen.
Read this review in Englisch on page 2
J.A. Bayonas A MONSTER CALLS is one of the greatest Movies of all time. Because of that, there is the first English review on this page. Have fun!
Story
Young boy Conor’s (Lewis MacDougall) life is all but carefree. His mother (Felicity Jones) is constantly ill, and so he must live with his aloof grandmother (Sigourney Weaver). At school, he gets beaten up by the big boys. No wonder that nightmares haunt him endlessly. But all of a sudden everything changes: When he wakes up drenched in sweat once more – seven minutes after the stroke of midnight – the old tree outside his window has turned into a gigantic monster and begins to talk to him. Is this still a dream – or reality? The wise monster begins to tell him stories. His unusual friend comes to visit him every night and his stories lead Conor towards an overwhelming truth…
Review
This is not a review. This is a declaration of love. A declaration of love to a movie which was the first in my career as a film critic to make me cast aside all the principles I tend to impose on myself. One has to sometimes so that one can remain true to oneself and one’s work. I’m setting aside what I usually want from my reviews. I’m forgetting everything I ever learnt about subjectivity and objectivity. I’m disregarding the notion that a review should not be written from a first-person point of view and that it should make its reader – the cinemagoer – its focal point. But all these rules and procedures that once became mechanisms must not stand when discussing “A Monster Calls”, an adaptation of the novel by the same name. Who says so? I do. For this youth fantasy drama which has become one of the most successful movies of all time in its native Spain has achieved something only few ever achieve: It broke my heart. Its director Bayona, previously at the helm of “The Orphanage” and “The Impossible”, took it and shredded it to pieces with every minute of this movie’s running time. But not only that: Afterwards, he put it together again all the more diligently. Writing a review about that? How could I!
Have you ever tried to explain why you love someone or something unconditionally? You will have realized that this is next to impossible. For as the word “unconditional” already implies: No conditions whatsoever are attached to such a love. You will accept everything. Strengths, weaknesses – you will even accept things you might find repulsive in others, simply because the total package would be way too boring without its rough edges. The same applies to “A Monster Calls”. To comprehend its entire beauty, it is not enough to merely focus on the things that might seem especially appealing at first glance. For the movie’s story might seem everything but appealing. It is about death. About pain. About grief. About loss. But it is also about hope and about finding it again, even if it seems long lost. J.A. Bayona succeeds in reversing all the negative connotations of these words. Thus his film displays a beauty that is purer and more complete than the one even the schmaltziest Hollywood pictures attempt to deceive us with. By letting us see through the eyes of a child, the film is only being consequential. An adult – a word that has more and more become a synonym for “cynic” – might be tempted to insult “A Monster Calls” as manipulative. I’m not. I became invested in seeing the events on the big screen unfold from the point of view of a boy who is too old to still be a child, and yet too young to be grown-up.
J.A. Bayona succeeds like no other director in expressing the sensations of his mostly young characters. He takes all the pain of young Conor – brilliantly played by Lewis MacDougall (“Pan”) – visualizing his inner strength as the monster and then letting it loose on the audience. “A Monster Calls” overruns us like an avalanche of emotions which sets us so on edge because the story addresses many things everybody has been through. In the face of an impending loss, Conor has to take sides: repression or acceptance. But how can this work when acceptance cannot be accepted? Naturally Conor would like to run away to evade this question (and thus the beginning of the first conflict) until one day he meets somebody who will come along with him on a journey even many brave adults don’t feel fit for. Liam Neeson (“Non-Stop”) plays the stop-motion animated monster that takes up the job with great warmth, benevolence and sheer boundless strength, and the monster becomes the mirror image of Conor’s helplessness which it tries to absorb by telling him three very different anecdotes from its past, all of them beautifully illustrated by impeccably painted watercolors. The fourth anecdote will eventually be Conor’s story. But to be completely honest, “A Monster Calls” from its very first second is not (only) about Conor’s fate. As the monster becomes the boy’s mirror image, by and by the film becomes our lives’ mirror image. It beings to provide the surface onto which our own lives can be projected. We can see ourselves, our fears, our grief and our anger. And we might hate ourselves for it at first…
The fact that J. A. Bayona loves his characters means by extension that he loves us, which means that “A Monster Calls” leads to one conclusion: If we love its characters, we love ourselves – a realization which underlines my inability to write a conventional review about this picture. Naturally, relatively trivial details can be qualitatively assessed: the film’s technique (its visual effects are unobtrusive, but superb!), Oscar Faura’s (“The Imitation Game”) cinematography, its music (Not only Fernando Velázquez’s score that alternates between restrained and powerful motifs is one to remember, but also Keane’s title song “Tear up this Town”) and its actors’ performances (Felicity Jones and Sigourney Weaver shine along with main actor Lewis MacDougall). Even though all this is supposed to contribute to strengthening the in itself already immeasurably positive impression of “A Monster Calls”, it seems entirely irrelevant when taking in the big picture. During its running time of 108 minutes – not a second too long – this movie expands into a realm in which those things that would matter elsewhere are moot. “A Monster Calls” is not just a movie. It is a visceral experience which ultimately forces us to do something nobody really can: It decides between repression and acceptance in our place by forcing us to dig up all the miseries of our pasts and go through them once again. Maybe some will not like it. For a moment I, too, felt coerced to get my heart broken without being asked. But once it was over, I recognized it: the pure beauty of “A Monster Calls”.
Writing a conclusion would mean attempting to summarize all the emotional impact which emanates from this film. To tame what must not be tamed, to mitigate its vigor and to conclude what must remain after its ending. A film like this doesn’t need a conclusion. It doesn’t even need a review…
„A Monster Calls“ will be shown in German cinemas from May 5th.

