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The Bride! – Es lebe die Braut

Mit THE BRIDE! – ES LEBE DIE BRAUT nimmt sich Maggie Gyllenhaal einen der berühmtesten Mythen der Horrorgeschichte vor – und zerlegt ihn lustvoll in seine Einzelteile. Statt eines klassischen Remakes entsteht eine wilde, stilistisch überbordende Neuinterpretation zwischen Gothic-Romantik, Monsterfilm und feministischer Rebellion. Das Ergebnis ist faszinierend, aber oft ungelenk.

OT: The Bride! (USA 2026)

Darum geht’s

Chicago in den Dreißigerjahren: Nach über einhundert Jahren in Einsamkeit sehnt sich Frankensteins Monster (Christian Bale) nach Liebe und Zuneigung. Aus diesem Grund sucht er die Wissenschaftlerin Dr. Euphronius (Annette Bening) auf, die für ihn aus der Leiche einer ermordeten Frau eine Gefährtin erschaffen soll. Gesagt, getan! „Die Braut“ (Jessie Buckley) erwacht wieder zum Leben. Doch die weiteren Ereignisse verlaufen völlig anders, als geplant. Anstatt einfach nur eine Gefährtin für Frankenstein zu sein, entwickelt sie eine eigene Persönlichkeit und will sich der ihr angedachten Rolle partout nicht anpassen. Zwar entsteht zwischen der Braut und dem Monster eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, doch ihr gemeinsamer Weg ist gepflastert von Gewalt, Verfolgung und löst sogar eine radikale Protestbewegung aus. Schnell geraten sie ins Visier der eines Ermittlerpaares (Peter Sarsgaard und Penélope Cruz) und befinden sich fortan auf der Flucht.

Kritik

Ob es nun die aktuell wieder aufgeflammte Liebe für alte Filmmonster ist, oder ob der erste exzentrische Trailer genügt hat, um für Furore zu sorgen: „The Bride! – Es lebe die Braut“ hat im Vorfeld seiner Veröffentlichung für jede Menge Aufsehen gesorgt. Das liegt natürlich auch daran, dass sich Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal nach ihrem viel beachteten Regiedebüt „Die Frau im Dunkeln“ nun ausgerechnet einem der berühmtesten Stoffe der Horrorgeschichte widmet und diesen gleichzeitig auf denkbar ungewöhnliche Weise neu interpretiert. Inspiriert von James Whales Klassiker „Bride of Frankenstein“ aus dem Jahr 1935, verlegt „The Bride!“ die bekannte Geschichte in ein wildes, stilistisch bewusst überhöhtes Chicago der Dreißigerjahre. Schon lange vor dem Kinostart wurde darüber spekuliert, wie sich Gyllenhaals Version zwischen Gothic-Horror, düsterer Liebesgeschichte und anarchischem Kunstkino positionieren würde. Auch von einem Musical war zeitweise die Rede, was im Anbetracht dessen, dass schon „Wonka“, „Joker: Folie à Deux“ und die „Mean Girls“-Neuauflage von Warner nicht als solche vermarktet wurden, durchaus möglich gewesen wäre. Spätestens seit der Premiere in London ist jedoch klar: „The Bride!“ ist kein klassisches Monsterfilm-Remake und auch kein Musical, sondern eine radikale, eigenwillige Neuinterpretation eines ikonischen Mythos.

Frankensteins Monster (Christian Bale) liebt das Kino.

Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, dass „The Bride!“ kein Film ist, der versucht, es allen recht zu machen – im Gegenteil. Maggie Gyllenhaal inszeniert ihre Version der berühmten Monsterbraut mit einer derartigen Wildheit und gestalterischen Entschlossenheit, dass man beinahe in jeder Szene spürt, wie sehr ihr dieses Projekt am Herzen lag. In Interviews betonte sie zudem immer wieder, dass sie sich nicht für eine klassische Neuauflage interessiert habe, sondern für eine radikale Perspektivverschiebung: Die Figur der Braut sollte nicht länger nur Projektionsfläche oder tragische Randfigur sein, sondern zum Zentrum einer ebenso wütenden wie eigenwilligen Geschichte werden. Diese Haltung durchzieht den gesamten Film. „The Bride!“ ist laut, überbordend, stellenweise grotesk und visuell geradezu entfesselt. Wie eine Mischung aus Gothic-Romantik, düsterem Märchen und punkiger Rebellion gegen die Tradition des klassischen Monsterkinos. Gleichzeitig bringt diese kompromisslose Vision auch ihre Schattenseiten mit sich. Gyllenhaal folgt ihren Ideen mit einer solchen Konsequenz, dass das Publikum bei manchen erzählerischen Abzweigungen und inszenatorischen Exzessen kaum noch hinterherkommt. Viele Szenen wirken bewusst überzeichnet und auch Narrative brechen abrupt ab oder verlieren sich in symbolischen Bildern. Das passt zwar zur rebellischen Energie des Films, sorgt aber auch dafür, dass „The Bride!“ an einigen Stellen mehr wie ein leidenschaftliches Manifest seiner Regisseurin wirkt als wie eine Geschichte, die ihr Publikum jederzeit an die Hand nimmt.

„Maggie Gyllenhaal interessiert sich weniger für die klassische Monstertragödie als für eine Geschichte weiblicher Selbstermächtigung. Ihre Braut ist kein passives Geschöpf mehr, das von Männern erschaffen und anschließend gefürchtet wird, sondern eine Figur, die ihre Existenz selbst definiert.“

Gerade in dieser Hinsicht funktioniert „The Bride!“ tatsächlich wie ein Manifest. Und zwar wie eines, das seine Botschaft nicht vorsichtig und zurückhaltend formuliert, sondern mit Nachdruck und sichtbarer Wut ins Bild setzt. Maggie Gyllenhaal interessiert sich weniger für die klassische Monstertragödie als für eine Geschichte weiblicher Selbstermächtigung. Ihre Braut ist kein passives Geschöpf mehr, das von Männern erschaffen und anschließend gefürchtet wird, sondern eine Figur, die ihre Existenz selbst definiert. Aus der anfänglichen Sensation wird im Verlauf des Films zunehmend eine Ikone für all jene Frauen, die sich gegen gesellschaftliche Zuschreibungen und Erwartungen auflehnen. In einer Welt, die sie zunächst als Kuriosität, Bedrohung oder Besitz betrachtet, wird die Bride zur Projektionsfläche eines aufkeimenden Widerstands. Man könnte fast sagen: Würde diese Geschichte in der Gegenwart spielen, hätte ihre Bewegung längst einen Hashtag. Ähnlich wie moderne soziale Bewegungen – man denkt unweigerlich an Dynamiken wie #MeToo – verbreitet sich ihre Wirkung nicht über organisierte Strukturen, sondern über Identifikation, Nachahmung und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. In dieser Hinsicht erinnert „The Bride!“ sogar ein wenig an Todd Phillips’ „Joker“, der ebenfalls zeigt, wie aus einer einzelnen, zunächst isolierten Figur eine Bewegung entstehen kann. Doch während dort nihilistische Wut und gesellschaftlicher Zerfall im Zentrum stehen, kanalisiert Gyllenhaal diese Energie in ein Narrativ der Selbstbestimmung, der Solidarität und der radikalen Aneignung der eigenen Geschichte.

Die Ermittler:innen Myrna Mallow (Penélope Cruz) und ihr Kollege Jake Wiles (Peter Sarsgaard) suchen nach dem „Mörderpaar“.

Doch so kraftvoll „The Bride!“ in seinen thematischen Ambitionen auch daherkommt, ganz frei von Reibungsverlusten ist Maggie Gyllenhaals Film nicht. Besonders die erzählerische Klammer erweist sich als problematisch. Immer wieder unterbricht der Film seine eigentliche Handlung, um zur Autorin Mary Shelley zu springen, die – genau wie die Braut selbst von einer völlig entfesselten Jessie Buckley („Hamnet“) gespielt – das Publikum direkt adressiert und gewissermaßen „live“ die Geschichte der Bride entwickelt. Die Idee dahinter ist offensichtlich: Gyllenhaal möchte die Entstehung des Mythos reflektieren und gleichzeitig zeigen, dass diese Figur neu gedacht werden kann. In der Praxis sorgt dieser Meta-Ansatz jedoch eher für Distanz als für zusätzliche Erkenntnisse. Denn gerade durch diese Ebene wird nie ganz klar, welche Haltung der Film eigentlich zu seiner zentralen Figur einnimmt. Die Braut ist hier eine bewusst extreme, fast hysterische Erscheinung: laut, impulsiv, unberechenbar und in manchen Momenten geradezu abstoßend. Doch bleibt unklar, ob Gyllenhaal ihre Taten feiern, kritisch spiegeln oder schlicht nachvollziehbar machen möchte. Der Film scheint selbst nicht genau zu wissen, welche Lesart er bevorzugt. Dadurch wirkt die Braut als Hauptfigur stellenweise weniger herausfordernd als schlicht anstrengend. Und zwar nicht im produktiven Sinne einer unbequemen Figur, sondern in ihrer Uneindeutigkeit. Hinzu kommt ein Krimi-Subplot, in dem ein Ermittlerduo der vom an Bonnie und Clyde erinnernden Braut-Frankenstein-Pärchen zurückgelassenen Brandspur folgt, der sich immer wieder ungelenk in den Film drängt. Auch das Mafia-Kino hinterlässt halbherzige Spuren. Diese Passagen fühlen sich merkwürdig deplatziert an und bremsen die ohnehin episodische Erzählstruktur zusätzlich aus. Immer dann jedoch, wenn sich „The Bride!“ ganz auf seine groteske, dunkle Liebesgeschichte konzentriert, gewinnt der Film spürbar an Geschlossenheit und lässt erahnen, wie stark Gyllenhaals Vision ohne diese erzählerischen Umwege hätte sein können.

„‚The Bride!‘ wirkt über weite Strecken wie ein Musical, das sich nur knapp dagegen entschieden hat, tatsächlich in Gesangsnummern auszubrechen. Mehr als einmal hat man das Gefühl, dass die Figuren jeden Moment zu singen beginnen könnten – so rhythmisch, überhöht und theatralisch sind viele Szenen angelegt.“

Auch inszenatorisch setzt Maggie Gyllenhaal auf maximale Überwältigung. „The Bride!“ wirkt über weite Strecken wie ein Musical, das sich nur knapp dagegen entschieden hat, tatsächlich in Gesangsnummern auszubrechen. Mehr als einmal hat man das Gefühl, dass die Figuren jeden Moment zu singen beginnen könnten – so rhythmisch, überhöht und theatralisch sind viele Szenen angelegt. Diese bewusst künstliche Form passt wiederum gut zu den Verweisen auf die Frühzeit des Kinos, die sich immer wieder in den Film einschreiben. Gerade die Ästhetik der Stummfilmzeit schimmert an vielen Stellen durch. Etwa in den expressiven Gesten der Figuren, in der stark stilisierten Bildsprache und in Momenten, die eher wie bewegte Tableaus als wie klassische Filmszenen wirken. Dass der an Fred Astaire angelehnte, fiktive Filmstar Ronnie Reed (gespielt von Jake Gyllenhaal) hier zeitweise eine (später revidierte) Erlöserfigur für Frankenstein einnimmt, ist gewiss kein Zufall. Gleichzeitig ist Gyllenhaals Inszenierung alles andere als nostalgisch. Die Kamera (Lawrence Sher, „Joker“) ist häufig unruhig und fast nervös in ihrer Bewegung, der Schnitt abrupt und mitunter bewusst desorientierend. Dazu kommt ein wuchtiger, grell aufspielender Score (Hildur Guðnadóttir, ebenfalls „Joker“), der sich selten im Hintergrund hält, sondern die Szenen regelrecht überrollt. „The Bride!“ ist damit kein Film der leisen Zwischentöne, sondern ein bewusster Angriff auf die Sinne.

In einer völlig entfesselten Szene tanzen die Braut (Jessie Buckley) und Frankensteins Monster zu „Puttin‘ on the Riz“.

Fazit: „The Bride! – Es lebe die Braut“ erweist sich als radikale, visuell entfesselte Neuinterpretation eines Horror-Klassikers, in der Maggie Gyllenhaal ihre kompromisslose Vision von weiblicher Selbstermächtigung mit großer stilistischer Wucht inszeniert. Gerade diese künstlerische Entschlossenheit sorgt jedoch auch dafür, dass der Film erzählerisch überladen wirkt und sich in Meta-Ebenen, Nebenplots und symbolischen Exzessen teilweise verliert. So bleibt am Ende ein mutiges, eigenwilliges, aber auch sperriges Werk, das mehr als leidenschaftliches Manifest beeindruckt als als rund erzählte Geschichte.

„The Bride! – Es lebe die Braut“ ist ab dem 5. März 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.
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