Das Arthaus-Kino tut sich in diesen Tagen schwer. Während die riesigen Lichtspielhäuser der einschlägigen Kinoketten fast ausschließlich Popcornkino und Blockbuster im Programm haben, muss der Cineast nach anspruchsvollerer Kinokost schon regelrecht suchen. Das hat jedoch auch seine Vorteile, versprühen Arthaus- und Programmkinos doch noch den urigen Kino-Charme aus der Vergangenheit und haben kein Problem mit Fließbandabfertigung, randalierenden Besuchern und mangelnder Kinoatmosphäre. Wenn man das Glück hat, genau solch ein Kino zu kennen, kommt man bisweilen sogar in den Genuss echter Filmperlen abseits des Mainstream-Filmgeschmacks. DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN zum Beispiel…
Der Plot
Ali (Matthias Schoenaerts) ist wütend. Immer. Das bekommt nicht nur seine Umgebung zu spüren, sondern immer häufiger auch sein kleiner Sohn Sam (Armand Verdure). Mit dem halbherzigen Gedanken ein neues Leben anzufangen, reisen er und Sam ins französische Antibes an der Côte d’Azur. Dort besuchen sie seine Schwester Anna (Corinne Masiero). Die einfache Frau, die in ärmlichen Verhältnissen lebt und täglich als Kassiererin in einem Supermarkt jobbt, bietet ihrem Bruder die heruntergekommene Garage zum Schlafen an. Ali findet schnell einen Job als Türsteher und lernt eines Abends Stéphanie (Marion Cottilard) kennen. Nach einem Handgemenge, bei dem die zierliche Brünette verletzt wird, fährt Sam sie nachhause und erfährt von Stéphanies Leidenschaft: Im naheliegenden Marineland arbeitet die junge Frau als Waltrainerin, die sich für die große Show schon mal gefährlich nah an die Meeressäuger herantraut. Eines Tages ereignet sich eine Tragödie: Bei einem Unfall mit den Tieren verliert Stépahie beide Beine und ist fortan auf Rollstuhl und Prothesen angewiesen. Die vom Schicksal gebeutelte Frau sucht Kontakt zu Ali, der sein Geld mittlerweile bei illegalen Untergrundkämpfen verdient. Beide fühlen sich voneinander angezogen, doch die äußeren Umstände sprechen kaum für dauerhaftes Glück. Er betrügt, sie verzweifelt und beide realisieren täglich aufs Neue, dass nichts grausamer ist als das Leben.
Kritik
Ein französischer Film über einen Menschen im Rollstuhl, der seinen Lebensmut dank der Hilfe einer gesunden, sich um ihn kümmernden Person wiederfindet. Das Ganze aufgezogen als einzige Sinfonie der Hoffnung mit Fingerzeigen in Richtung Licht am Ende des Tunnels. Irgendwie kommt einem das erschreckend bekannt vor, tummelte sich eine französische Komödie namens „Ziemlich beste Freunde“ doch das ganze letzte Jahr über auf Platz eins der deutschen Kino-Jahrescharts. Da liegt der Gedanke nah, mit „Der Geschmack von Rost und Knochen“ wollten die Verantwortlichen auf den offenbar erfolgsversprechenden Zug aufspringen und mit dem Drama ähnlich gestrickte Kost ins Kino entlassen. Doch weit gefehlt! Wo es „Ziemlich beste Freunde“ an Intensität, Ernsthaftigkeit und Vielschichtigkeit mangelte, beweist Regisseur Jacques Audiard („Der wilde Schlag meines Herzens“, „Ein Prophet“), wie man sich dem Thema auf realistische Art und Weise nähert. Mit „Der Geschmack von Rost und Knochen“ inszenierte der französische Regisseur ein schmerzvolles Drama, das an Intensität kaum zu übertreffen und schwer verdaulich ist.
Die Bezeichnung „negativ“ oder „positiv“ in Bezug auf „Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist jedoch ohnehin kaum zu greifen. Der Streifen ist ohne weiteres extrem herb, es schmerzt beim Zusehen, wie sich die Figuren immer wieder voneinander entfernen, ohne dabei zu realisieren, welche Auswirkungen das vor allem auf sie hat. Dementsprechend ist die Grundstimmung von vornherein eine extrem gedämpfte. Dennoch inszenierte Jacques Audiard das Drama nicht nach einem 08 15-Schema, welches über kurz oder lang auf ein bestimmtes Ende hinausläuft. Die Story verläuft nach dem Prinzip „Der Weg ist das Ziel!“, sodass das Finale letztlich nur wie das Beenden dieses einen Lebensabschnitts der beiden Protagonisten wirkt, der in den vergangenen zwei Stunden erzählt wurde. Was im Blockbuster-Kino die Grundlage für einen zweiten Teil bildet, ist hier Realismus pur.
In den Nebenrollen glänzt besonders der den kleinen Sam verkörpernde Arman Verdure, der in „Der Geschmack von Rost und Knochen“ seine aller erste Rolle spielt. Beachtenswert: Von der schauspielerischen Reife her hat man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, einen kleinen Jungen vor sich zu sehen. Die Inbrunst, mit welcher er Sam verkörpert, ist beachtlich, authentisch und geht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut. Auch der (vor allem äußerliche) Auftritt der in Deutschland unbekannten Französin Corinne Masiero („Die Liebenden und die Toten“, „Louise Wimmer“) bietet Anlass, tief durchzuatmen. Ihr Mut, ihrer Figur Hässlichkeit und bewusst mangelnden Stolz einzuhauchen, ist bemerkenswert und offenbart noch einmal die Tiefgründigkeit des Streifens.
Damit ist „Der Geschmack von Rost und Knochen“ eines der beeindruckendsten, traurigsten, tiefgründigsten und realistischsten Dramen, das jemals den Weg ins Kino fand. Authentische, ungeschönte Bilder, kombiniert mit einem sensiblen Soundtrack, hervorragenden Darstellerleistungen und basierend auf einem in seiner Intensität die Kehle zuschnürenden Drehbuch offenbaren, wofür Kino gemacht ist: für große Emotionen!
„Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist ab dem 10. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

