In der Nacht vom 4. auf den 5. März werden im Dolby Theatre in Los Angeles die 89. Academy Awards verliehen. In meiner traditionellen Oscar-Vorschau versuche ich mich an einer Prognose und versuche, die Nominierten in ihren Kategorien einzuordnen. Und ich muss ehrlich sagen: So unsicher wie 2018 war ich bislang noch nie. In zu vielen Kategorien kommen diverse Preisträger infrage – selbst wenn es auf den ersten Blick eindeutig scheint. Doch kommen wir zum spannenden Teil: Viel Spaß mit der und viel Freude mit der Show. Übrigens: Die Nominierten, die meine persönliche Stimme bekämen, habe ich lila markiert! Möge der Bessere gewinnen – und Meryl Streep!
Und schon geht es los: In der Kategorie „Bester Film“ haben meiner Ansicht nach drei Filme Chancen auf einen Sieg: Das melancholische, kinoverliebte Erwachsenenmärchen SHAPE OF WATER, auf das ich letztlich auch tippe, die bitterböse Tragikomödie „Three Billboards“ und der mit einer Riesenlobby ausgestattete „Get Out“. Mein Herzenssieger wäre übrigens „Call Me By Your Name“.
Beste Regie
Christopher Nolan (Dunkirk)
Jordan Peele (Get Out)
Greta Gerwig (Lady Bird)
Paul Thomas Anderson (Der seidene Faden)
Guillermo del Toro (Shape of Water – Das Flüstern des Wassers)
Den Golden Globe für die beste Regie gewann Guillermo del Toro. Dasselbe gilt für viele weitere Indikatorpreise. Doch mit der Auszeichnung von Greta Gerwig könnte die Academy ein Gender-Statement setzen, genauso wie Christopher Nolan als Oscar-Gewinner überfällig wäre. Ich tendiere trotzdem zu Jordan Peele. GET OUT ist der Film der aktuellen Stunde, hat gerade unter den jüngeren Academy-Mitgliedern viele Fans (die ältere Generation dagegen sieht ihn nicht zwingend als „Oscar-Film“ an, weshalb ich ihm in der Kategorie „Bester Film“ keine Chancen ausrechne. So oder so: Peele könnte wirklich gute Chancen haben. Mich persönlich würde das ebenfalls sehr freuen.
Bester Hauptdarsteller
Timothée Chalamet (Call Me By Your Name)
Daniel Day-Lewis (Der seidene Faden)
Daniel Kaluuya (Get Out)
Gary Oldman (Die dunkelste Stunde)
Denzel Washington (Roman J. Israel, Esq.)
Fast alle sind sich einig, dass Gary Oldmans Performance in DIE DUNKELSTE STUNDE den Film trägt. Winston Churchill ist die Rolle seines Lebens, er agiert überragend und hat für diese Rolle so ziemlich alle Schauspielpreise abgeräumt, die man abräumen kann. Außenseiterchancen rechne ich Daniel Day-Lewis aufgrund seines „letzte Rolle“-Bonus aus. Wenn es nach mir geht, gewinnt allerdings Denzel Washington, der einen durchschnittlichen Film zu einem überragenden machen kann.
Beste Hauptdarstellerin
Sally Hawkins (Shape of Water – Das Flüstern des Wassers)
Eigentlich war THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI schon mein sicher gesetzter Kandidat in sämtlichen Kategorien. Doch dann erhielt der Film in den USA einen unerwarteten Backlash und behandelt außerdem ein zu düsteres Thema, um der Academy ausnahmslos zu gefallen. An der extrem starken Performance von Frances McDormand führt dann allerdings doch kein Weg vorbei. In ihrer Darstellung einer verzweifelten Mutter vereint sie sämtliche emotionalen Facetten, die man in einer einzigen Rolle vereinen kann. Da kann auch die dieses Jahr überraschend durchschnittlich aufspielende Meryl Streep nicht mithalten. Wem ich dann allerdings doch noch ein wenig die Daumen drücke, ist Margot Robbie, die sich offenbar erst hässlich machen musste, damit sie als die gute Schauspielerin wahrgenommen wird, die sie schon immer ist.
Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
Das, was ich bereits zu Frances McDormand geschrieben habe gilt auch für Sam Rockwell – mit dem Unterschied, dass der bei den Academy Awards längst überfällig ist. Magenschmerzen bereitet mir indes die direkte Konkurrenz zu Woody Harrelson, ebenfalls aus THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI: Bei einem möglichen Stimmenklau könnte am Ende Richard Jenkins als lachender Dritter aus de Rennen gehen. Dass die Academy ihre Statementnominierung von Christopher Plummer durchziehen und ihm sogar den Oscar selbst überreichen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen…
Beste Nebendarstellerin
Mary J. Blidge (Mudbound)
Allison Janney (I, Tonya)
Lesley Manville (Der seidene Faden)
Laurie Metcalf (Lady Bird)
Octavia Spencer (Shape of Water)
Lesley Manville macht in „Der seidene Faden“ nichts, was in irgendeiner Form auszeichnungswürdig wäre. Ihre Nominierung gehört für mich zu den größten Mysterien der diesjährigen Oscarverleihung. Das genaue Gegenteil ist allerdings bei Allison Janney in I, TONYA der Fall. Ihre Darstellung der gleichermaßen ehrgeizigen wie wahnsinnigen Mutter Tonya Hardings ist nicht nur aufgrund ihrer emotionalen Diversität absolut fesselnd, sondern auch äußerst nah an der erschreckenden Realität-
Wenn es nach mir ginge, würde Aaron Sorkin gewinnen. Ich liebe seine spektakulär-detaillierten Dialoge, die in „Molly’s Game“ allerdings vor allem aufgrund der passenden Inszenierung so gut zur Geltung kommen. „Logan“ hat immerhin das Comic als Drehbuchvorlage bei den Academy Awards etabliert, ist aber zu speziell, um echte Chancen zu haben. Ich tippe letztlich auf den zaghaften CALL ME BY YOUR NAME, der es schafft, mit wenigen, dafür äußerst präzisen Worten große Gefühle zu erzeugen.
Guillermo del Toro, Vanessa Taylor (Shape of Water – Das Flüstern des Wassers)
Martin McDonagh (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
Und da ist sie nun: Die unsicherste Kategorie des Jahres! Bis auf „The Big Sick“ haben sich alle anderen Anwärter brav diverse Indikatorpreise geteilt. Aufgrund seines Status als „Film aktueller Stunde“ setze ich aber mutig auf GET OUT – möglicherweise wird er letztlich von den fantastischen Dialogen eines „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ausgestochen.
Ich glaube, wenn Roger Deakins für BLADE RUNNER 2049 in diesem Jahr schon wieder keinen Preis gewinnt, gehen Filmfans auf aller Welt auf die Barrikaden. Zu Recht!
Diese Kategorie ist prädestiniert für einen Dreikampf zwischen BLADE RUNNER 2049, „Dunkirk“ und „Shape of Water“. Ich tippe mit Bauchschmerzen auf den Sci-Fi-Noir-Film. Zum Einen, weil die handgemachten Settings einfach voller Detailarbeit und sichtbarem Aufwand stecken, zum Anderen weil der Film ohnehin recht wenig nominiert ist, wofür die Academy im Nachhinein Rüffel bekam. Den Preis an „Blade Runner 2049“ zu vergeben, wäre auch eine Form der Wiedergutmachung.
Ein Film über Mode dürfte per se gute Chancen haben, einen Oscar für die besten Kostüme zu gewinnen. Und dann wird die Kleidung sogar noch zu so etwas wie einem dritten Protagonisten in DER SEIDENE FADEN. Da kann auch die schwelgerische Ausstattung von „Die Schöne und das Biest“ nicht mithalten. Lediglich „Shape of Water“ – dem ich übrigens die Daumen drücke – könnte da querschießen.
Beste Filmmusik:
Hans Zimmer (Dunkirk)
Jonny Greenwood (Der seidene Faden)
Alexandre Desplat (Shape of Water – Das Flüstern des Wassers)
Carter Burwell (Thee Billboards Outside Ebbing, Missouri)
Alexandre Desplat ist sowieso ein Academy-Liebling und mit dem fließenden Score zu SHAPE OF WATER liefert er seine bislang beste und vor allem außergewöhnlichste Arbeit ab. Das wird die Academy honorieren müssen.
GREATEST SHOWMAN hat in den USA einen überaus starken Hold und ist mittlerweile zu einem großen Erfolg geworden. Außerdem liebt die Academy große, kraftvolle Musicalnummern. Dasselbe gilt allerdings auch für die klassische Disney-Ballade; ihr traue ich am ehesten eine Überraschung zu.
Wenn man einmal ganz ehrlich ist, dann besteht die Performance von Gary Oldman DIE DUNKELSTE STUNDE zu mindestens 70 Prozent aus der hervorragenden Maske, die den Schauspieler glaubhaft in den streitbaren Politiker Winston Churchill verwandelt. Das spricht im Umkehrschluss gar nicht so sehr für Oldman als Schauspieler, hier kommen allerdings zwei sehr starke Elemente zusammen und kreieren eine einnehmende, starke Figur, die einen ganzen Film über zwei Stunden trägt. Dass der in den USA erschreckend erfolgreiche „Wunder“ ernsthaft dagegen antritt, ist mutig.
Bester Schnitt:
Baby Driver
Dunkirk
I, Tonya
Shape of Water – Das Flüstern des Wassers
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Dank der Schnittarbeit von „I, Tonya“ gelingt es hervorragend, die Illusion davon aufrechtzuerhalten, Margot Robbie würde hier tatsächlich als Eiskunstläuferin auf dem Eis stehen. Ohne einen perfekten Schnitt wäre es schier unmöglich, die verschiedenen Zeitebenen und Erzählzeiten so ineinander greifen zu lassen, dass das Konzept funktioniert. Doch was nur durch den Schnitt in BABY DRIVER für ein Tempo und eine Dynamik erzeugt wird, ist irrwitzig. Ich sehe Edgar Wrights Film hier knapp vorne.
Bester Ton
Baby Driver
Blade Runner 2049
Dunkirk
Shape of Water – Das Flüstern des Wassers
Star Wars: Die letzten Jedi
Ja, „Baby Driver“ ist akustisch perfekt auf die Musik abgestimmt. Der Film ist für das Sounddesign das, was „Mad Max: Fury Road“ vor zwei Jahren für die Optik war. Und obwohl mein Herz an ihm hängt und ich auch für ihn stimen würde, hat einen das Sounddesign von DUNKIRK einfach weggeblasen. Ich sehe Nolans Kriegsepos daher hier vorne.
Bester Tonschnitt
Baby Driver
Blade Runner 2049
Dunkirk
Shape of Water – Das Flüstern des Wassers
Star Wars: Die letzten Jedi
Same Here. DUNKIRK. Doch wenn es am Ende doch „Baby Driver“ werden sollte, wäre ich darüber alles andere als unglücklich.
Ich bin der Meinung, dass PLANET DER AFFEN: SURVIVAL – erst recht stellvertretend für die komplette Trilogie – viel häufiger hätte nominiert werden dürfen. So bleibt nur die Auszeichnung in der Kategorie „Beste visuelle Effekte“ – und da hat das Motion-Capture-Verfahren, mit dem in diesem Film die Menschen zu Menschenaffen gemacht wurden, in diesem Jahr einfach ganz neue, tricktechnische Maßstäbe gesetzt. Die Nominierungen von „Kong“ und „Guardians“ sind ein Witz, höchstens „Blade Runner“ könnte hier noch ein Wörtchen mitzureden haben.
Unter diesen Nominierten ist Pixars COCO tatsächlich der kreativste Film mit charmanter Botschaft, überwältigenden Animationen und feiner Musik. Doch das ganz große Highlight fehlt in dieser Kategorie. Außenseiterchancen rechne ich „Loving Vincent“ aufgrund seiner Machart aus.
Viele tippen auf den chilenischen Beitrag „Eine fantatische Frau“. Allerdings spricht für THE SQUARE nicht bloß die unaufhaltsame Erfolgswelle. Wenn die Academy diesen Film schon nominiert – in der Longlist gehörte er zu den Wackelkandidaten – dann wird er vermutlich auch gewinnen.
Bester Dokumentarfilm
Abacus: Small Enough to Jail
Augenblicke: Gesichter einer Reise
Ikarus
Die letzten Männer von Aleppo
Strong Island
Die Sportmedizin- und Dopingdoku IKARUS wird bei den Buchmachern am höchsten gehandelt. Ich schließe mich dem ungesehen an.
Der Rest:
Bester animierter Kurzfilm: Lou
Bester Kurzfilm: DeKalb Elementary
Bester Dokumentar-Kurzfilm: Heaven is a Traffic Jam on 405
In diesen Kategorien habe ich zugegebenermaßen keine Ahnung, mich lediglich ein wenig durch Prognosen gelesen und tippe daher weitestgehend blind.