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On Swift Horses

In den USA begleitet von einem Mini-Skandal, kommt die Romanverfilmung ON SWIFT HORSES nun auch in die deutschen Kinos. Als malerisch bebilderter Fünfzigerjahrekitsch geht das queere Drama dabei noch am ehesten durch. Der Komplexität der Story und der emotionalen Tiefe der Figuren wird die Leinwandversion leider nicht gerecht.

OT: On Swift Horses (USA 2024)

Darum geht’s

Muriel (Daisy Edgar-Jones), eine junge Frau aus Kansas, heiratet den Kriegsveteranen Lee (Will Poulter) und zieht mit ihm nach San Diego. Doch das neue Leben erfüllt sie nicht – sie fühlt sich gefangen und sucht heimlich den Nervenkitzel bei Pferderennen, bei denen sie unerwartet viel Erfolg hat. Zur gleichen Zeit kehrt Lees charismatischer Bruder Julius (Jacob Elordi) aus dem Koreakrieg zurück und lässt sich in Las Vegas nieder. Dort findet er Arbeit in einem Casino und verliebt sich in Henry (Diego Calva), einen talentierten Kartenspieler. Als ihre Beziehung ans Licht kommt, ist Henry gezwungen, die Stadt zu verlassen. Julius macht sich auf eine rastlose Suche nach ihm, die ihn bis nach Tijuana führt. Währenddessen beginnt Muriel in San Diego eine intensive Beziehung zu ihrer Nachbarin Sandra (Sasha Calle) und setzt sich zunehmend mit ihrer eigenen Sexualität auseinander. Über Briefe bleiben sie und Julius verbunden, teilen ihre Erlebnisse und tiefsten Sehnsüchte miteinander.

Kritik

Würde es sich bei der Verfilmung des gleichnamigen Romans um eine Big-Budget-Produktion handeln, wäre „On Swift Horses“ vermutlich von einer ziemlich harschen Berichterstattung begleitet worden. So dürfte – insbesondere in Deutschland – an kaum jemanden durchgedrungen sein, welches Potenzial einer Kontroverse in dem Romantikdrama steckt. Mit der Veröffentlichung des ersten Filmplakats sollte alles anfangen. Auf dem suggerierten die Abbildungen von Hauptdarstellerin Daisy Edgar-Jones („Twisters“) und ihrem Kollegen Jacob Elordi („Saltburn“) nämlich eine Romanze zwischen ihren beiden Figuren. Also eine klassische Dreiecks-Liebesgeschichte? Mitnichten! Eigentlich ist „On Swift Horses“ ein bedeutsamer Eintrag in die queere Literatur. Die Autorin Shannon Pufahl hatte sich dafür sogar von wahren Ereignissen inspirieren lassen. Regisseur Daniel Minahan („House of Cards“) zeigte sich in Interviews selbst irritiert von dem irreführenden, die queeren Wurzeln der Vorlage unterschlagenden Marketing, indem er immer wieder betonte, dass Jones und Elordi im gesamten Film maximal 15 Minuten gemeinsam zu sehen sein.

Lee (Will Poulter) und Muriel (Daisy Edgar-Jones) wollen sich im tiefsten Kansas ein gemeinsames Leben aufbauen…

„On Swift Horses“ besitzt zwei Erzählebenen. Die eine konzentriert sich auf Muriel und ihren Ehemann Lee, die andere auf Julius. Die beiden Handlungsstränge durchkreuzen einander nur sehr selten. Das ist auch direkt das größte Problem am Film. Autor Bryce Kass („Lizzie“) orientiert sich zwar am Roman, doch die zweigeteilte Erzählstruktur funktioniert hier nur bedingt. Zu sehr mäandern beide Ebenen behäbig und weitestgehend unabhängig voneinander vor sich hin, führen zu keinem richtigen Ergebnis und präsentieren zwar (durchaus atmosphärisch inszenierte) Momentaufnahmen, haben über ihre Charaktere aber nicht viel zu sagen. Muriel als der Stereotyp einer gelangweilten Hausfrau verdingt sich in der eleganten Welt der Pferdewetten und setzt (und gewinnt) viel Geld mit den vierbeinigen Sportlern. Dass sie – wie im Buch – vor allem an ihrer verheimlichten bisexuellen, wenn nicht gar homosexuellen Gesinnung zu ersticken droht, kehrt der Film nie richtig hervor. Julius dagegen zieht es ins exzessive Las Vegas, wo er seine homosexuellen Neigungen ausleben kann. Die zu Beginn angedeuteten, amourösen Schwingungen zwischen den beiden werden übrigens in jenem Moment der Nichtigkeit preisgegeben, in dem Julius Lee und Muriel von seiner unehrenhaften Entlassung aus der Marine erzählt. Etwas, was in den Fünfzigerjahren vorkam, sobald sich jemand als homosexuell outete.

„Zumindest mittels der Tonspur verbindet der Briefverkehr die Storystränge von Julius und Muriel wiederkehrend. Die (rein platonische) Verbindung zwischen den beiden ergibt sich aus ihren persönlichen Aufeinandertreffen dagegen überhaupt nicht.“

„On Swift Horses“ stellt die beiden Handlungsebenen wie Spiegelbilder einander gegenüber. Auf der einen Seite die wohlbehütete Muriel, die ihre ersten lesbischen Erfahrungen in geschützter Umgebung mit der ebenso weltoffenen wie leidenschaftlichen Nachbarin sammeln darf. Kameramann Luc Montpellier („Die Aussprache“) wählt hierfür warme Farben, schmeichelhaftes Licht und sehr ästhetische Körperabbildungen. Auf der anderen Seite verkehrt Julius in den alkoholgetränkten Bars und Kneipen von Las Vegas, trifft sich in kleinen, dunklen Appartements mit Liebhabern und teilt seine Gedanken anschließend mit Muriel. Zumindest mittels der Tonspur verbindet dieser Briefverkehr die beiden Storystränge wiederkehrend. Die (rein platonische) Verbindung zwischen Julius und Muriel ergibt sich aus den persönlichen Aufeinandertreffen dagegen überhaupt nicht. Nur ganz zu Beginn, wenn kurz im Raum steht, ob Muriel, Lee und Julius zusammenziehen und ihr Leben fortan zu dritt gemeinsam verbringen wollen, spürt man eine aufrichtige Dynamik innerhalb dieses Dreiergespannes. Danach ist hiervon nichts mehr zu merken. Auch weil Daniel Minahan seinem Ensemble überhaupt keine Möglichkeiten der Entfaltung bietet.

… doch Muriel fühlt sich zu ihrer Nachbarin Sandra (Sasha Calle) hingezogen.

Während Daisy Edgar-Jones ihre aufkeimenden Gefühle für die resolute Sandra glaubhaft widergibt, erfährt man über Julius‘ Bekanntschaften überhaupt nichts. Hier sprechen immerhin die dargestellten Umstände für sich. Der aktuell omnipräsente Will Poulter („Warfare“) wird dagegen vollends fallengelassen. Zwar spielt er in der Geschichte zweier Selbstfindungen ohnehin nur eine Nebenrolle, doch „On Swift Horses“ würde ohne seine Figur genauso gut funktionieren. Mehr noch: Die angedeuteten Differenzen zwischen ihm und Julius stehen der eigentlichen Handlung im Weg und verwässern das, worum es eigentlich geht. Was genau das ist, darüber scheinen sich sämtliche Beteiligte sowieso im Unklaren zu sein. „On Swift Horses“ besitzt viele Ideen, doch keine davon wirkt konsequent zu Ende gedacht. So bleibt der Film vor allem in seinen vielversprechenden Ansätzen stecken. Vielversprechend deshalb, weil es Minahan versteht, sein Werk ansprechend zu bebildern und auszustatten. „On Swift Horses“ atmet die Fünfzigerjahre und fängt das harmonieversprechende Setting im tiefsten Kansas genauso authentisch ein wie den Sündenpfuhl Las Vegas.

„‚On Swift Horses‘ besitzt viele Ideen, doch keine davon wirkt konsequent zu Ende gedacht. So bleibt der Film vor allem in seinen vielversprechenden Ansätzen stecken.“

Fazit: Die Verfilmung des gleichnamigen Romans „On Swift Horses“ ist trotz seiner zweigeteilten Erzählstruktur eine zähe Angelegenheit. Inszenatorisch gelingt es Regisseur Daniel Minahan zwar, das Flair der Fünfzigerjahre – egal ob im spießigen Kansas, oder im verführerischen Las Vegas – authentisch einzufangen. Doch über die Figuren weiß man am Ende des Films genauso viel wie zu Beginn. Insbesondere die besondere Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren Muriel und Julius bleibt bis zuletzt ein auf Behauptungen gebautes Rätsel.

„On Swift Horses“ ist ab dem 29. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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