Er soll einer der gruseligsten Filme aller Zeiten sein. In den USA erlang CONJURING – DIE HEIMSUCHUNG gar ein R-Rating, ausschließlich aufgrund des Gruselfaktors. Was ist dran am Hype um die neuste Regiearbeit von „Saw“-Schöpfer James Wan? In meiner heutigen Kritik gebe ich Antworten darauf und erläutere, warum der Hype gar nicht so weit hergeholt ist.
Der Plot
Roger und Carolyn Pennon (Ron Livingston und Lili Taylor) ziehen mit ihren fünf Kindern in ein altes Haus auf dem Land. Noch macht sich die Großfamilie nichts daraus, dass der gemeinsame Hund auf der Türschwelle stehenbleibt und sie einen geheimen Keller entdeckt, von dem offenbar niemand etwas wusste. Erst, als schon in der ersten Nacht seltsame Ereignisse vor sich gehen, werden nach und nach sämtliche Familienmitglieder unruhig. Mutter Carolyne hat Blutergüsse am Körper, deren Herkunft sie sich nicht erklären kann, der Hund wird tot vor dem Haus aufgefunden, die kleine Christine (Joey King) spricht mit einem unsichtbaren Freund und ihre Schwester hat Nachts Visionen. Als plötzlich sämtliche Bilder von der Wand fallen und Carolyne von einer unsichtbaren Macht in den Keller gesperrt und verletzt wird, kontaktieren die Pennons die Dämonologen Ed und Lorraine Warren (Patrick Wilson und Vera Farmiga). Die kommen schnell zu der Erkenntnis, dass es sich hierbei um den schwierigsten Fall ihrer Karriere handelt…
Kritik
Er gilt als einer der gruseligsten Filme der letzten Jahrzehnte und für dieses Prädikat braucht es heutzutage viel. Regisseur James Wan („Insidious“, „Saw“) hat es raus, zeitgemäße Horrorfilme zu machen und spannenden Stoff ansprechend auf Zelluloid zu bannen. „Conjuring – Die Heimsuchung“ ist derzeit wohl der beste Beweis dafür, welche Passion der Regisseur seinem präferierten Genre entgegenbringt. Der eigentlich recht simpel gestrickte Streifen, der bei genauerem Hinschauen lediglich eine schon vielfach dargebotene und damit wenig neue Geschichte erzählt, hätte, von einem anderen Regisseur inszeniert, auch gründlich in die Hose respektive direkt auf den „Direct-to-DVD“-Markt gehen können. Anders bei Wan. Der liebt sein Genre und vermittelt dem Zuschauer stets das Gefühl, seine Filme so zu drehen, dass auch er sie sich als Fan gerne anschauen würde. Viel zu viele Produktionen erwecken den Anschein einer heruntergedrehten Pflichtarbeit. Wans Werke fallen nicht darunter.
Etwas Böses geht um
Mit „Saw“ zollte Wan „Sieben“ seinen Tribut, brachte aber mithilfe des ihm zugrunde liegenden, gleichnamigen Kurzfilms ordentlich Pfeffer in das harte Thrillergenre, sodass „Saw“ lediglich eine Hommage, jedoch kein müder Abklatsch wurde. Mit „Insidious“ lieferte er 2011 klassischere Kost ab, setzte mit seiner typischen Handschrift allerdings ebenfalls neue Akzente und erntete dadurch Lob von allen Seiten. Auch „Conjuring“ bedient sich eigentlich nur an einer für Horrorfilme typischen Ausgangslage – Familie zieht in ein Spukhaus und wird schon bald von Geistern heimgesucht –, lässt durch viel Liebe zum Detail, ausgesuchte sowie durch und durch stimmige Settings und knallharte Schocks jedoch das Blut in den Adern der Zuschauer gefrieren.
Ein Großteil der im Film entstehenden Atmosphäre rührt dementsprechend von diesem Wissen her. Sofern das Publikum den Gedanken daran, dass die Story einen Funken Realismus enthalten könnte, verinnerlicht, bräuchte Wan nur noch das Nötigste tun, um das Optimum an Spannung aus dem gut eineinhalbstündigen Gruselinferno herauszuholen. Vor allem auf die Bezeichnung „Grusel“ scheint er großen Wert zu legen. Denn „Conjuring“ ist keiner dieser stylischen, schnell geschnittenen Hochglanz-Horrorfilme. Gleichwohl zu den inszenatorischen Makeln die Tatsache zählt, dass „Conjuring“ trotz aller technischen Mühen nie hundertprozentig einen originalen Siebziger-Look annehmen kann, hat der ebenso unverfälschte wie schmutzige Look, gepaart mit der Authentizität des Spukhauses viel Charme und lässt immerhin die Erinnerungen an die Filme dieses Jahrzehnts aufkeimen. „Conjuring“ reiht sich atmosphärisch nahtlos in eine Reihe mit „Carrie“, dem Original von „Amityville Horror“ oder auch „Der Friedhof der Kuscheltiere“, zudem werden vielmals Erinnerungen an Klassiker wie „Poltergeist“ wach. Die Handschrift des Regisseurs, sich vor liebgewonnenen Genrebeiträgen zu verneigen, ohne sie zu kopieren, sticht in „Conjuring“ wieder einmal positiv hervor.
Während bereits vom Beginn an durch das Setting und die beobachtenden Perspektiven in der Kameraarbeit ein beklemmendes Gefühl beim Zuschauer entsteht, hat sich Wan auch bei der Platzierung der Schockeffekte ordentlich Mühe gegeben. So verzichtet „Conjuring“ zwar nicht gänzlich auf das gewohnte Zusammenspiel zwischen Schreck und ankündigender Musik, ist dabei aber sichtlich darum bemüht, nicht erneut auf vielfach abgedroschene Schemata zurückzugreifen. Allzu oft kommen die Jump Scares aus dem Nichts und sorgen für den überraschenden Kick, mit dem Wans Filme stets auftrumpfen können und mit welchem er vielen seiner Kollegen immer wieder weit voraus ist. So holt er das Maximum an Innovation aus einem eigentlich schon oft dagewesenen Thema und bedient dadurch sowohl die heranwachsende Horrorfilmgeneration, als auch die Liebhaber des Oldschool-Gruselkinos.
Es sind einzig und allein die letzten zwanzig Minuten, die „Conjuring“ ein wenig aus seinem ruhigen Gruselflair herausbringen. Das anziehende Tempo, der sich zwar vorab ankündigende aber dennoch radikal ändernde Tonfall und eine reichlich unnötige, bluthaltige Szene hätten es nicht zwingend gebraucht, ziehen – ganz im Gegensatz zu manch anderen Genrevertretern dieses Jahres, wie etwa „Mama“ – den Gesamteindruck des Films aber nicht nach unten. Wan hat sich für ein insgesamt stimmiges Finale entschieden, das sich passend in die Szenerie eingliedert und einen konsequenten Höhepunkt, auf den die einzelnen Szenen nach und nach unaufhörlich zusteuern, markiert. Vielleicht hätte sich der ein oder andere Zuschauer ein weniger aufgeregtes Ende gewünscht. Insgesamt nimmt es dem Streifen jedoch seinen Rhythmus nicht und überzeugt aufgrund der sich immer weiter steigernden Spannung sowie einer zwar abgegriffenen aber Wan-typisch modern arrangierten Thematik.
Erhält demnächst ein Spin-Off: Puppe Annabelle
Fazit: „Conjuring – Die Heimsuchung“ zehrt zwar deutlich von seinem Hype, der aufgrund der nicht ganz neuen Geschichte in der Form nicht hundertprozentig berechtigt ist, ist aber dennoch der derzeit beste Genrebeitrag des Jahres und eines der eindringlichsten Gruselerlebnisse der letzten Dekaden. Der bodenständige Charme der Inszenierung, eine atemberaubende Kulisse und die Darbietungen sämtlicher Darsteller sorgen beim Zuschauer – wirklich! – für Gänsehaut und dafür, dass man sich in einigen Situationen nicht mehr zu bewegen traut. Geschweige denn, jemals wieder zuhause unters Bett zu gucken.
„Conjuring – Die Heimsuchung“ ist ab sofort in den deutschen Kinos zu sehen.

