Dog – Das Glück hat vier Pfoten

Ein „Hundefilm“ ist vermutlich das Letzte, was man als Regiedebüt von Channing Tatum erwartet hätte. Doch DOG – DAS GLÜCK HAT VIER PFOTEN ist entgegen seines deutschen Beititels alles andere als ein tierzentrischer Feelgood-Film. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Dog (USA 2022)

Der Plot

Der ehemalige Army Ranger Jackson Briggs (Channing Tatum) ist auf der Suche nach einem Neuanfang, als er auf Lulu trifft – eine belgische Malinois-Hündin, die jahrelang im Militärdienst eingesetzt wurde. Gegen Briggs Willen werden sie gemeinsam auf Reisen geschickt. In Briggs Ford Bronco begeben sich die beiden auf einen Roadtrip entlang der US-Pazifikküste, um rechtzeitig zur Beerdigung eines gemeinsamen Freundes zu gelangen. Auf dem Weg dorthin treiben sie sich anfangs gegenseitig in den Wahnsinn, brechen immer wieder Regeln, geraten in jede Menge aberwitzige Situationen – und werden schließlich unzertrennlich.

Kritik

Channing Tatums Regiedebüt ist eine echte Herzensangelegenheit. „Dog“, der im Deutschen den irreführenden Untertitel „Das Glück hat vier Pfoten“ trägt, ist eine Hommage an „seine Lulu“. Eine Pitbull-Hündin, die ihn bis zu ihrem krankheitsbedingten Tod im Jahr 2018 viele, viele Jahre begleitete. Mit ihr unternahm Tatum ebenfalls einen Roadtrip, auf dem die beiden noch enger zusammenwuchsen. Nur waren die Umstände dieser Reise harmloserer Natur als nun in „Dog“ geschildert. Denn so stark der Film gen Ende die enge Bindung zwischen Mensch und Tier hervorhebt, so steinig und zudem alles andere als vermenschlichend erzählt das Drama auch von den Kriegstraumata, die zwei- und vierbeinige Soldaten aus ihren Einsätzen mitbringen. Hierfür kamen Tatum die Erfahrungen seines Autoren und begleitenden Regisseurs Reid Carolin zugute für den er bereits in die Hauptrollen zahlreicher Filme (darunter „Magic Mike“ und „White House Down“) schlüpfte, die dieser aus Gesprächen mit Army-Veteranen zusammentrug. Mittlerweile kann man sich denken: „Das Glück hat vier Pfoten“ vereinfacht die eigentliche Thematik. Denn von „Glück“ kann hier keine Rede sein. Anders als etwa in „Hatchiko“, „Marley & ich“ oder „Enzo und die wundersame Welt der Menschen“ muss man die Glücksmomente in „Dog“ regelrecht suchen. Und das, wo der Film doch eigentlich allzu bekannten, erzählerisch eben nur ganz anders ausgelegten Roadmovie-Buddy-Stationen folgt.

Die Beziehung zwischen Lulu (Britta, Lana 5 und Zuza) und Briggs (Channing Tatum) gestaltet sich schwierig.

Dass Menschen ihre Tiere vermenschlichen, ist bis zu einem gewissen Grad kein allzu großes Problem. Dafür nehmen wir unsere vierbeinigen Wegbegleiter einfach zu sehr als Teil der Familie wahr, als dass sie sich durchweg auf ihr tierisches Dasein reduzieren ließen. Gleichwohl übertreiben es tierzentrische Produktionen – insbesondere, wenn sie sich an die ganze Familie richten – häufig stark mit dem Hereinlesen menschlicher Emotionen in tierische Seelen. Genau an dieser Stelle macht „Dog – Das Glück hat vier Pfoten“ viel richtig. Die von insgesamt drei verschiedenen Hunden verkörperte Belgische Schäferhündin Lulu zeigt ein zwar durch und durch tierisches Trauma-Verhalten, das man erst gar nicht vermenschlichend auf die Probleme ihrer zweibeinigen Kamerad:innen übertragen muss; die Symptome ähneln sich stark, was die emotionale Verbindung zwischen Publikum und Hündin automatisch befeuert. Erst recht, wenn sich das Tier in einer eindringlichen Szene an das Grab seines verstorbenen Herrchens legt, nachdem wir es zuvor vornehmlich als unkontrollierbare Bestie kennengelernt haben, genügen derartige Bilder ohne jedweden Kommentar oder konstruierte Gedankengänge, um den Hund als Wesen mit Herz und Verstand zu begreifen. Dem gegenüber wirkt Channing Tatum („The Lost City – Auf der Suche nach der verlorenen Stadt“) in den Szenen ohne seine fellige Begleiterin – dem Skript geschuldet – fast ein wenig farblos. Wir lernen seinen (nunmehr ehemaligen) Army-Ranger Jackson Briggs als aufopferungsvollen Ex-Soldaten kennen, dessen Ausschluss aus dem Militärdienst ihn vor ein großes Nichts stellt.

„Die von insgesamt drei verschiedenen Hunden verkörperte Lulu zeigt ein zwar durch und durch tierisches Trauma-Verhalten, das man erst gar nicht vermenschlichend auf die Probleme ihrer zweibeinigen Kamerad:innen übertragen muss; die Symptome ähneln sich stark, was die emotionale Verbindung zwischen Publikum und Hündin automatisch befeuert.“

Während das von Reid Carolin und Co-Autor Brett Rodriguez verfasste Drehbuch diesen Umstand zunächst als nahezu einzigen Charakterzug etabliert, legt der die zweite Hälfte dominierende Roadtrip nach und nach mehr Eigenheiten des Eigenbrötlers frei. Dafür sorgt vor allem die Interaktion mit Lulu. Auch ohne dass Briggs offensichtlich ein Trauma mit sich herumträgt, spiegeln sich die Schicksale der beiden Hauptfiguren. Beide werden nach ihrem Dienst an der Front vom Staat allein gelassen (übrigens nicht der erste Film jüngster Zeit, der sich mit dem Thema befasst: Auch „Cherry – Das Ende aller Unschuld“, „Ambulance“ und „The Contractor“ nahmen sich der lückenhaften, staatlichen Nachbetreuung von Soldaten an) und versuchen nun, immerhin gemeinsam aus ihrer (Not-)Lage herauszukommen. Anders als vom Genre gewohnt, braucht dies allerdings nicht bloß so lange, bis ein entscheidender „Klick-Moment“ die Partner wider Willen zusammenschweißt. Bis in die aller letzte Szene hinein ist das Verhältnis zwischen Mensch und Tier von Schwierigkeiten, allen voran ausgelöst durch den Mangel an Kommunikationsmöglichkeiten, geprägt. „Dog“ ist kein „Hundeflüsterer-Film“, sondern eine ernste Abhandlung emotionaler Probleme, in denen zufällig auch ein Hund eine tragende Rolle spielt.

Manchmal sieht das Glück auch einfach so aus, dass der eine den anderen in Ruhe lässt…

Leider steht die gefällige Inszenierung der emotionalen Tragkraft des Films ein Stückweit im Wege. Ganz so, als würden die Kreativen der ernsthaften Herangehensweise an einen „Hundeflm“ selbst nicht trauen, streuen sie allzu bekannte Roadmovie-Motive ein, die sich tonal mit der Intention beißen. Allen voran eine Station bei zwei Tantra praktizierenden Frauen, die sichtbar Gefallen an dem gutaussehenden Ex-Soldaten finden, versucht so krampfhaft, der Geschichte eine unangemessene Leichtigkeit zu geben, dass man sich für einen kurzen Moment in einem anderen Film wähnt, eh ein Halt bei einem (zunächst ein wenig hinterwäldlerisch anmutenden) Ehepaar diesen erzählerischen Faux Pas ausgleichen kann. Generell bemühen sich Kameramann Newton Thomas Siegel (fotografierte passenderweise auch „Cherry“) sowie Komponist Thomas Newman („1917“), einen wohlig-gefühlvollen Look sowie eine dazu passende Akustik zu kreieren und damit die niederschmetternden Ursprünge der beiden Seelenverwandten dem Off zu überlassen. Das verhilft „Dog – Das Glück hat vier Pfoten“ dazu, dass man ihn letztlich kaum als „Kriegsfilm über posttraumatische Depression“ wahrnimmt, sondern sich ganz auf das unaufdringliche Aufeinander zu Bewegen zwischen Briggs und Lulu konzentrieren kann. Aber vielleicht ist die Idee ja gar nicht so schlecht, auf diese Weise ein Tabuthema an das Publikum heranzuführen, das im Anschluss an „Dog“ vielleicht doch mal einen Blick auf Filme wie „Cherry“ riskiert. Und vor allem aufhört, Channing Tatum auf sein Dasein als ehemaliger „Sexiest Man Alive“ zu reduzieren. Der liefert nach seinen selbstironisch-humorigen Performances in „The Lost City“, den „Jump Street“-Filmen oder auch „Free Guy“ endlich mal wieder eine ihn auch dramatisch fordernde Darstellung ab, was ihm nach seinem Engagement in „Foxcatcher“ wie selbstverständlich von der Hand geht.

„Leider steht die gefällige Inszenierung der emotionalen Tragkraft des Films ein Stückweit im Wege. Ganz so, als würden die Kreativen der ernsthaften Herangehensweise an einen ‚Hundeflm‘ nicht ganz vertrauen, streuen sie allzu bekannte Roadmovie-Motive ein, die sich tonal mit der Intention beißen.“

Fazit: Das Roadmovie-Drama „Dog – Das Glück hat vier Pfoten“ ist das insgesamt gelungene Regiedebüt von Schauspieler Channing Tatum, der in seinem Film eine dramatische Abhandlung über Kriegstraumata und eine liebevolle Hommage an seine verstorbene Hündin miteinander verbindet. Das beißt sich hin und wieder tonal, ist aber letztlich so gefällig, dass es dem Publikum leicht macht, sich intensiv mit dem Tabuthema „posttraumatische Depression“ auseinanderzusetzen.

„Dog – Das Glück hat vier Pfoten“ ist ab dem 19. Mai 2022 in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Channing Tatum war immer ein Vorbild für mich als ich noch jünger war. Zu sehen, dass er sich nun an sein Regiedebüt gewagt hat freut mich in Bezug auf seine Karriere sehr. Der Kritik nach zu urteilen ist es sogar ein sehenswerter Film geworden. Da bin ich gespannt :-).

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