West Side Story

Steven Spielberg hat sich zum Jahresende des Mammutprojekts WEST SIDE STORY-Neuauflage angenommen und zieht bei der Inszenierung alle Register. Inhaltlich offenbaren sich allerdings Leerstellen und eine krasse Fehlbesetzung. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik zu einem trotz allem immer noch absolut mitreißenden Film.

OT: West Side Story (USA 2021)

Der Plot

New York in den Fünfzigerjahren: Zwischen den Fronten eines Bandenkrieges der einheimischen Jets und den puerto-ricanischen Sharks entwickelt sich eine Romanze, die zu dieser Zeit nicht sein darf. Der Jets-Gründer und Kriminelle Tony (Ansel Elgort) verliebt sich in die schöne, kluge Maria (Rachel Zegler), die wiederum die Schwester des Shark-Anführers Bernardos (David Alvarez) ist. Zunächst können die beiden ihre Liebe geheim halten. Doch der Streit zwischen den rivalisierenden Gangs eskaliert und damit steht auch eine glückliche Zukunft der beiden auf der Kippe. Die Katastrophe lässt nicht lange auf sich warten…

Kritik

Steven Spielberg drehte in seinen nunmehr über sechzig (!) Karrierejahren einige Filmklassiker, die die Zeit überdauerten. Darunter das Weltkriegsdrama „Schindlers Liste“, den Abenteuerkult „Jurassic Park“ sowie das zeitlose Alienmärchen „E.T. – Der Außerirdische“. Dass er die Augen dabei nie vor den technischen Möglichkeiten der Moderne verschloss, bewies er zuletzt mit seiner Arbeit an der Popkultur-Zitateschleuder „Ready Player One“. Aber auch in dem missratenen „BFG. – Big Frandly Giant“. Darin wurde ein CGI-Monster zum Mittelpunkt einer Geschichte; Und das ist etwas derart Modernes, dass längst nicht alle alteingesessene Regieikonen irgendein Interesse daran haben und sich stattdessen lieber auf eine Inszenierung wie in „guten, alten Zeiten“ besinnen. Trotz einer solch beispiellosen Vita bezeichnete Spielberg seine Neuinterpretation des Leonard-Bernstein/Stephen-Sondheim-Musicals „West Side Story“, das lose auf „Romeo und Julia“ basiert, als „die größte Herausforderung seiner Karriere“. So einen Heidenrespekt und eine solche Liebe zu Robert Wises und Jerome Robbins‘ für elf Oscars nominierten Sechzigerjahre-Verfilmung besäße der knapp 75-Jährige. Und trotzdem hat er sich daran gewagt und sich – vielleicht auch gerade aufgrund dieser Ehrfurcht vor dem Original – nicht an eine zwingend dem aktuellen technischen Standard entsprechende Machart gewagt, sondern einen betont nostalgischen Film inszeniert, der ebenso gut viele Jahrzehnte alt sein könnte. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Weshalb dreht man ein Werk, dass es bereits „in alt“ gibt, eigentlich nochmal „in alt“ und nutzt nicht aus, dass man so viele Möglichkeiten gehabt hätte, sich hier an neue Ufer zu begeben?

Braulio (Sebastian Serra) Flaco (Ricky Ubeda) und Bernardo (David Alvarez) gehören den Sharks an.

Nun steht die Zeitlosigkeit des Stoffes für sich. Die Gangrivalitäten, der alltägliche Rassismus den puerto-ricanischen Migrantinnen und Migranten gegenüber, die Polizeigewalt: All das benötigt nicht zwingend ein neues Gewand. Mehr noch: Vielleicht besitzen diese Thematiken ja sogar umso mehr emotionalen Punch, wenn man erst einmal realisiert, dass sich am Status Quo über so viele Jahrzehnte kaum etwas geändert hat. Hinzu kommt, dass Spielberg und sein Stammkameramann Janusz Kaminski („Der Richter – Recht oder Ehre“), der die Nominierung für den Academy Award 2022 als Bester Kameramann sicher haben dürfte, ein New York der Fünfzigerjahre entwerfen, das trotz seiner Rückbesinnung auf eine grobkörnige, betont kontrastreiche und lichtintensive, den Bühnenlook der ersten Adaption aber vermeidende Bildsprache eine zeitgemäße Hochglanzoptik besteht. „West Side Story“ suhlt sich in einer Nostalgie, die die Herkunft aus dem Jahr 2021 nicht leugnet. Und vielleicht ist diese Herangehensweise bei einem solchen Musicalklassiker auch die Beste!? Die unter einem enormen choreographischen Aufwand entstandenen Gesangs- und Tanzszenen kommen in ihrer farbenfrohen, energetischen Inszenierung hervorragend zur Geltung. Vor allem die allgegenwärtige Leichtigkeit betört, die selbst bei den penibel durchgeplanten Massenszenen ein Gefühl von Improvisation aufkommen lässt; Und das selbst dann, wenn Hunderte von Menschen auf den Millimeter genau zur selben Sekunde dieselben Tanzschritte ausführen. Das macht „West Side Story“ im Jahr 2021 zum weitaus besseren Musical als die thematisch sogar artverwandte, jedoch längst nicht so rough und inhaltlich ernst angelegte Filmversion von Lin-Manuel Mirandas Broadway-Hit „In the Heights“, das unter all seiner Perfektion das Leben vermissen ließ.

„Vor allem die allgegenwärtige Leichtigkeit betört, die selbst bei den penibel durchgeplanten Massenszenen ein Gefühl von Improvisation aufkommen lässt; Und das selbst dann, wenn Hunderte von Menschen auf den Millimeter genau zur selben Sekunde dieselben Tanzschritte ausführen.“

Kurzum: „West Side Story“ ist ein knapp zweieinhalbstündiger Rausch, auf den man sich (insbesondere als Musical-Skeptiker:in) allerdings schon einlassen muss. Gang-Rivalitäten, die zwischen im Takt schnipsenden, tanzenden Kriminellen ausgetragen werden, konnten schon im Original ein wenig albern wirken. Aber so will es nun mal das (Musical-)Konzept, das Spielberg für seine Version voll und ganz verinnerlicht hat. Darüber hinaus profitiert der Stoff von einer riesigen Ansammlung an Ohrwürmern, die sich über die Jahrzehnte einen Wirkungskreis auch außerhalb des Musicals selbst erschließen konnten. Darunter etwa die USA-Hymne „America“ oder das bezaubernde Duett „Somewhere“ zwischen Tony und Maria. Auf formaler Ebene lässt sich „West Side Story“ nichts vorwerfen. Mehr noch: Die zahlreichen Schulklassen, die den Stoff in den kommenden Jahr(zehnt)en durchnehmen werden, dürfen sich auf eine der besten Musicaladaptionen der vergangenen Jahre freuen; Müssen allerdings, wie alle anderen auch, einige inhaltliche und schauspielerische Schwächen in Kauf nehmen, die den Genuss am Film zwar nur minimal schwächen, Spielbergs Film aber davor bewahren, rückblickend als einer der besten seiner Karriere zu gelten. Wenngleich er selbst kaum Schuld daran trägt, sondern insbesondere Drehbuchautor Tony Kushner („Lincoln“), der einige neuen Storyimpulse setzt, die der inhaltlichen Ausrichtung nicht guttun.

Zwischen Maria (Rachel Zegler) und Tony (Ansel Elgort) knistert es auf Anhieb…

Da wäre zunächst einmal das bemerkenswerte Nicht-Schauspiel von Hauptdarsteller Ansel Elgort („Baby Driver“). Für den insbesondere in der Jugendbuchadaption „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ so überzeugenden Nachwuchsmimen wirkt die Rolle des Jet-Gründers Tony wie eine nicht zu stemmende Bürde, der er mit allgegenwärtigem Desinteresse begegnet. Zwar fanden die Dreharbeiten zu „West Side Story“ bereits im Sommer 2019 und damit vor den (hierzulande weitestgehend unbeachtet gebliebenen) #MeToo-Anschuldigungen gegen Elgort statt. Trotzdem wirkt seine Performance dem geschuldet fast versteckend; so, als möge er nicht auffallen, man ihn nicht beachten. Sein Mienenspiel ist minimal, seine unbändige Liebe zu Maria dadurch pure Behauptung. Und sein Dasein als Krimineller kommt in „West Side Story“ nie zum Tragen, was einen essentiellen Reiz der problematischen Tony-Maria-Lovestory zunichtemacht. Ihm gegenüber steht die Newcomerin Rachel Zegler, die sein Fehlendes mühelos ausgleichen kann. So schön schmachtet sie zeitgleich zu einer aufbegehrenden Attitüde des unbedingten Aufbrechen-Wollens der Gangrivalitäten – und singt ganz nebenbei hervorragend! Da ist es besonders bedauerlich, dass der inhaltliche Schwerpunkt hier mehr denn je auf Tony liegt, während sich Maria mit dem längst nicht mehr zeitgemäßen Figurentypus der „Damsel in Distress“ begnügen muss. Denn Tony ist nicht nur durch Elgorts Spiel die wesentlich weniger reizvolle Figur, sondern verliert durch das Glattbügeln seiner kriminellen Energien zudem an Ecken und Kanten. Darunter leidet auch die Anziehungskraft zwischen dem Liebespaar – für eine Geschichte, die ihre Emotionen vorwiegend aus einer intensiven Lovestory zieht, wäre dies ein Todesurteil, wäre der Rest von „West Side Story“ formal nicht derart perfekt geraten. Man kann über diese inhaltlichen Leerstellen problemlos hinwegsehen. Respektive: Man muss es sogar, um sich nicht daran aufzuhalten, dass hier erzählerisch überraschend viel auf der Strecke bleibt.

„Es ist bedauerlich, dass der inhaltliche Schwerpunkt hier mehr denn je auf Tony liegt, während sich Maria mit dem längst nicht mehr zeitgemäßen Figurentypus der ‚Damsel in Distress‘ begnügen muss.“

Was für ein Glück, dass die filmischen Dimensionen der 2021er-„West Side Story“ derartig riesig sind, dass derartige Schwachpunkte hier Randnotizen bleiben. Gleichwohl lassen sie sich aber auch so klar als solche benennen, dass es umso ärgerlicher ist, dass sie es in die fertige Fassung geschafft haben. So ist Spielbergs Film eine handwerklich formidable, dadurch mitreißende (Liebes-)Geschichte, die im Original auch auf erzählerischer Ebene reinhaut, hier allerdings qualitativ deutlich hinter der Machart zurückfällt.

Fazit: „West Side Story“ puntet trotz seiner unübersehbaren Inhaltsschwächen mit einer der besten Musicalinszenierung der letzten Jahre und wäre mit einem anderen Hauptdarsteller womöglich in der Lage, zu einem ähnlich zeitlosen Klassiker zu werden wie es die Sechzigerjahrefassung bereits ist.

„West Side Story“ ist ab dem 9. Dezember 2021 in den deutschen Kinos zu sehen.

2 Kommentare

  • Leonard bernstein und William Shakespeare im Text nicht zu erwähnen, ist auch eine leistung!

    • Ist tatsächlich ein Versäumnis, war einfach in meiner Argumentation nicht notwendig, das zu erwähnen. Habe ich daher ergänzt. Aber davon abgesehen, „Sean“: Beim nächsten Mal würde ich auch die Website und die richtige Mailadresse unkenntlich machen, denn sonst bringt auch das beste Pseudonym nichts. Wäre mir ja echt unangenehm sowas…

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