Der Duft von wildem Thymian

John Patrick Shanleys DER DUFT VON WILDEM THYMIAN ist eine waschechte Rarität. Nach Filmkuriositäten wie „The Room“ – Produktionen also, die sich aufgrund ihrer nicht beabsichtigten Schlechtheit einen Kultstatus erarbeiten konnten – könnte diese irische Romantikomödie mit vorzeigbarem Starcast in ähnliche Kerben schlagen. Weshalb man den Film sehen muss, um zu glauben, dass es ihn gibt, das verraten wir in unserer Kritik.

OT: Wilde Mountain Thyme (IE/UK 2020)

Der Plot

Die eigensinnige Farmerin Rosemary (Emily Blunt) hat es sich in den Kopf gesetzt, das Herz ihres verschrobenen Nachbarn Anthony (Jamie Dornan) zu erobern. Der scheint jedoch ganz Dinge im Kopf zu haben und nimmt die Avancen seiner schönen Verehrerin überhaupt nicht wahr. Die meiste Zeit verbringt er mit seinem Vater Tony (Christopher Walken), dessen ungnädiger Plan es ist, die Familienfarm an seinen amerikanischen Neffen Adam (Jon Hamm) zu verkaufen. Doch was soll dann aus Anthony werden? Es wird Zeit, dass sich der Eigenbrötler entscheidet, wie und mit wem er den Rest seines Lebens verbringen will…

Kritik

Das Qualitätsspektrum aller Filme dieser Welt reicht von abgrundtief schlecht bis himmelhoch begeisternd. Während wir uns nur zu gern an das erinnern, was bei uns tolle Gefühle verursacht hat, verblassen die Erinnerung an filmische Graupen dagegen alsbald; Und das Prädikat „so schlecht, dass es schon wieder gut ist“ lässt sich im durchkalkulierten Mainstreamkino heutzutage sowieso kaum noch vergeben. Gewiss versorgen Filmproduktionsfirmen wie Asylum den Filmemarkt jährlich mit dahingerotzten Kopien von Big-Budget-Filmen deren Macher:innen ganz genau um die nicht vorhandene Wertigkeit ihrer zweifelhaften Werke wissen und so wahlweise die Zielgruppe der Ahnungslosen (die eigentlich das „Original“ sehen wollten) oder der Crap-Konsument:innen bedienen. Denn natürlich kann es mit den richtigen Leuten (und dem richtigen Alkoholpegel) durchaus Spaß bereiten, sich über die nicht vorhandenen Qualitäten eines Films zu beömmeln – doch wenn genau das von den Kreativen beabsichtigt wurde, nimmt dieses Kalkül der ganzen Sache ihren Charme. Aber was tun, wenn ehrlich gescheiterte – und nicht einzig und allein zum Scheitern gedrehte – Filmprojekte heutzutage häufig gar nicht mehr auf den Markt kommen, weil in der eng strukturierten Filmmaschinerie von heute keinerlei Durchkommen mehr für sie ist? Ein längst zum Kult avanciertes Machwerk wie etwa Tommy Wiseaus „The Room“ eines ist, hätte es heute vermutlich noch deutlich schwerer als damals ohnehin schon.

Anthony (Jamie Dornan) läuft öfter mal mit einem Metalldetektor über die Wiesen und sucht etwas…

Ob John Patrick Shanleys irische Romcom „Der Duft von wildem Thymian“ einst einen ähnlich ehrenwerten Status wie Tommy Wiseaus Herzensprojekt erlangen wird, steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. Das rar gewordene Prädikat „so schlecht, dass es schon wieder gut ist“ wiederum kann an dieser Stelle allerdings schon mal vergeben werden. Das Ausmaß dieser filmischen Absurdität beginnt bei einem Blick auf den Cast: Hinter der Kamera – verantwortlich für Buch und Regie – zeichnete mit John Patrick Shanley ein Oscarpreisträger, der nach seinem Award für „Mondsüchtig“ im Jahr 1988 noch ein weiteres Mal nominiert wurde (2009 für „Glaubensfrage“). Für die Leinwandadaption seines Bühnenstücks „Outside Mullingar“ versammelte er ein Ensemble, das namhafter kaum sein könnte. Im Zentrum der Handlung stehen Hollywoodstar Emily Blunt („A Quiet Place“) und „Fifty Shades of Grey“-Beau Jamie Dornan, während Jon Hamm („Catch Me!“) und Christopher Walken („Eddie the Eagle: Alles ist möglich“) nicht unwichtige Nebenrollen bekleiden. In dieser Konstellation möchte man „Der Duft von wildem Thymian“ vieles zutrauen. Vom verkitschten „Rosamunde Pilcher“-Verschnitt, auf den bereits die ersten schwelgerischen Kamerafahrten über die schroffe, irische Küste und die saftig-grünen Weiden hindeuten, bis hin zum spröden Familiendrama, wenn in den ersten Momenten des Dialogs gleichermaßen Fährten in Richtung einer Kuckuckskindgeschichte als auch eines hitzigen Erbstreits gestreut werden. Und nicht zuletzt wären da ja auch noch Emily Blunts Rosemary und Jamie Dornans Anthony, die ein Prolog aus Kindheitstagen von Beginn an zu den beiden wichtigsten Figuren erklärt – und die sich auf dem Filmplakat verliebt in die Augen schauen dürfen. Die kreativen erzählerischen Möglichkeiten von „Der Duft von wildem Thymian“ sind immens – und doch gelingt es John Patrick Shanley mit bemerkenswertem Eigensinn, sämtliche Vorahnungen ad absurdum zu führen. Und das ist hier längst nicht positiv zu verstehen.

„Ob John Patrick Shanleys irische Romcom „Der Duft von wildem Thymian“ einst einen ähnlich ehrenwerten Status wie Tommy Wiseaus Herzensprojekt erlangen wird, steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. Das rar gewordene Prädikat „so schlecht, dass es schon wieder gut ist“ wiederum kann an dieser Stelle allerdings schon mal vergeben werden.“

In „Der Duft von wildem Thymian“ weiß man schnell nicht mehr, worauf all das hier wohl später hinauslaufen wird. Was bei so ziemlich jedem anderen Film verheißungsvoll unberechenbar klingt, ist in diesem Fall der vollkommen hanebüchenen Aneinanderreihung wirrer Szenen mit noch wirreren Dialogen, vorgetragen von kaum wiederzuerkennenden Hollywood-Großkalibern geschuldet. Während es zunächst noch so scheint, als verzettele sich John Patrick Shanleys lediglich bei der Exposition, weil er (immerhin ohne gestellt wirkenden Erklärmonolog) derart viele Namen, Konflikte und Themen anreißt, dass man selbst nach einer knappen halben Stunde immer noch nicht weiß, wer hier eigentlich wer ist, Stress mit wem hat und worauf in dieser Geschichte nun der Fokus liegen soll, beschleicht einen mit jeder weiteren Minute mehr der Verdacht, „Der Duft von wildem Thymian“ ließe einfach jedwedes inszenatorische Element einer Filmproduktion blindlinks Galopp laufen, völlig frei von so etwas Banalem wie einem Konzept, einer Dramaturgie, oder – Gott bewahre! – einer Logik. Dominieren in der ersten Hälfte noch die in einem Mordstempo vorgetragenen Streitgespräche über die Ländereien und die Frage, was im Falle eines Ablebens der Besitzer später passieren soll, kristallisiert sich aus dem (im Original mit einem furchtbaren irischen Akzent vorgetragenen) Kuddelmuddel irgendwann heraus, dass es hier wohl eigentlich um die Liebesgeschichte zwischen Rosemary und Anthony gehen soll. Wenn schließlich nach knapp 100 Minuten der Abspann über den Bildschirm läuft, weiß man auch endlich, dass es wohl wirklich so war. Bis kurz vor Schluss dagegen sorgen die vogelwilden Zeitsprünge, Szenenwechsel und zusammenhanglosen Dialoge allerdings dafür, dass man die Beziehung der beiden Zeitgenossen nicht annähernd einschätzen kann. Kaum ein einziges normales Wort miteinander sprechend, sondern stets in verrückte Vermutungen und Andeutungen abgleitend – ganz so, als hätte hier jemand einen Fremdsprachentext nicht selbst übersetzt, sondern lediglich einmal durch Google Translate gejagt – bleibt es bis kurz vor Schluss das große Mysterium des Films: Was zum Teufel wollen diese beiden Figuren bloß? Und noch viel interessanter: Was will der Filmemacher eigentlich von seinen Figuren, was von uns und was soll das eigentlich überhaupt alles?

Rosemary (Emily Blunt) und ihr permanent ausbüxendes Pferd. Vielleicht hat es das Skript gelesen!?

Während „Der Duft von wildem Thymian“ auf der einen Seite genug bodenständige Konflikte besäße, um eine klassische Familienfehde durchzuexerzieren – und mit der ständigen Besinnung darauf, „wie ach so verrückt die Iren sind“, hätte man das Ganze sogar bewusst ins Komische rücken können – ergeht sich John Patrick Shanley in derart vielen Nebenschauplätzen, dass dem Film ab dem Moment, in dem Anthony an einem Esel einen Heiratsantrag übt und sich daraus der wie so vieles Andere nebenbei abgehandelte, aber trotzdem ernst gemeinte (!) Konflikt ergibt, dass Teile der Dorfgemeinschaft dem Mann zoophile Neigungen unterstellen, schlichtweg alles zuzutrauen ist. Und dieses Alles präsentiert „Der Duft von wildem Thymian“ spätestens in seiner letzten halben Stunde in Form von Dialogen, die in ihrer hanebüchenen Aneinanderreihung von wirren Haupt- und Nebensätzen, in denen es in jeder Sekunde um etwas Anderes und doch um nichts geht, irgendwann nur noch über einen hinwegrauschen. Mitten im hitzigsten Streitgespräch werden da plötzlich Sandwiches gereicht oder die romantische Liebeserklärung im nächsten Moment auf die Qualitäten von Guinness-Bier gelenkt. Aussagen über Selbstmordgedanken werden hier genauso salopp vorgetragen wie die Entrüstung darüber, dass es in Irland ständig regnet. Oder die Sonne scheint. Oder beides. Jedenfalls ist alles immer und überall ein Problem. Oder auch keines. Die Gebaren der Figuren, der Inhalt ihrer Worte jedenfalls geben keinerlei Aufschluss über jedwede emotionalen Befindlichkeiten. Ganz so, wie ein von Google Translate übersetzter Text in eine andere Sprache – aber diesen Vergleich hatten wir ja schon…

„Ab dem Moment, in dem Anthony an einem Esel einen Heiratsantrag übt und sich daraus der wie so vieles Andere nebenbei abgehandelte, aber trotzdem ernst gemeinte (!) Konflikt ergibt, dass Teile der Dorfgemeinschaft dem Mann zoophile Neigungen unterstellen, ist dem Film schlichtweg alles zuzutrauen.“

Die Ausmaße der in „Der Duft von wildem Thymian“ regelrecht fassungslos machenden Weirdness hören bei der Nicht-Qualität der Dialoge indes längst nicht auf. Auch die Darstellerinnen und Darsteller spielen irgendwo zwischen Trance-artiger Theatralik und parodistisch anmutendem Desinteresse – tatsächlich fragt man sich irgendwann, ob all das hier überhaupt ernst gemeint sein soll, oder doch eher nachdichtend verstanden werden will. Auch wenn da die Frage bleibt, wer oder was hier denn kommentiert werden soll. Ein weiteres von unzähligen Fragezeichen, die „Der Duft von wildem Thymian“ hinterlässt. Ebenso auch die Charaktere. Allen voran die Figur des Anthony. Die Konstellation aus Jamie Dornans karikierend tapsiger Performance, seinen als Spleens angedeuteten Handlungen wie etwa das lange Zeit unkommentiert bleibende Auf- und Ablaufen mit einem Metalldetektor, und den Dialogen erweckt mehrmals den Eindruck, seine Figur solle vielleicht geistig zurückgeblieben sein. Doch direkte Erwähnungen dessen gibt es nicht. Genauso wenig dazu, wie alt Anthony und Rosemary sein und in was für einer Zeit „Der Duft von wildem Thymian“ eigentlich spielen sollen. Emily Blunt ergeht es da kaum besser. Ihre Figur trägt mitunter wahnhafte Züge, doch auch diese handelt das Skript eher im Vorbeigehen ab, anstatt sich ernsthaft mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir sehen sie völlig von Sinnen im Regen tanzen, bedeutungsschwanger in die Waffenkammer blicken und mal eben für einen Tag nach New York fliegen, einfach weil ihr gerade danach ist. Der Einzige, der im Ansatz zu realisieren scheint, in was für eine Art Film er da mitspielt, ist Jon Hamm, der die Fragezeichen des Publikums auf seiner Stirn durch die Gegend trägt, als hätte er – wie wir – das Skript nicht verstanden.

Was hat der Amerikaner Adam (Jon Hamm) mit Rosemary vor?

Doch „Der Duft von wildem Thymian“ ist nicht nur darstellerisch und erzählerisch eine Vollkatastrophe. Auch inszenatorisch scheint John Patrick Shanley alles, was auch nur entfernt an eine Struktur erinnert, über Bord geworfen zu haben. Szenen brechen mitten in der Auseinandersetzung ab, Zeitsprünge werden nicht eingeordnet, sondern müssen aus den ohnehin allzu wirren Ereignissen zusammengereimt werden und alle paar Minuten erscheint einfach vollkommen willkürlich (!!) irgendeine Kameraaufnahme von einem Tier oder Menschen fallen um oder irgendwo hinunter. Zum Durchatmen, um sich von diesem ganzen Wahnwitz zu erholen, ist dieses sichtbare Füllmaterial leider zu kurz. Aber vielleicht muss man diesen fassungslos machenden Rausch aus Absurdität, Ungläubigkeit, Entertainment (und ja: „Der Duft von wildem Thymian“ ist dermaßen bescheuert, dass er tatsächlich in die Kategorie „so schlecht, dass es schon wieder gut ist“ fällt) und allem, was Shanley intendiert hat, aber nicht zum Ausdruck bringen konnte, eben doch ganz bewusst durchleben. Nicht, um es zu verstehen, zu durchschauen. Sondern, um zu begreifen, dass es einen Film wie „Der Duft von wildem Thymian“ in der hier dargelegten Form tatsächlich gibt. Bereuen wird man es nicht. Aber sich fragen, was zur Hölle man da eigentlich gerade gesehen hat.

Fazit: „Der Duft von wildem Thymian“ ist ein auf sämtlichen Ebenen derart lautstark gescheitertes Filmkuriosum, dass man es gesehen haben muss, um es zu begreifen.

„Der Duft von wildem Thymian“ ist ab dem 21. Mai als VOD und ab dem 28. Mai als DVD und Blu-ray Disc erhältlich.

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