Der Chaos-Cop

Hierzulande nie im Kino gewesen, stattdessen einer der meistgeachteten Geheimtipps der vergangenen Jahre: DER CHAOS-COP, der im Original als „Thunder Road“ Publikum wie Kritiker begeisterte, ist ein Dramajuwel und so ganz anders, als es der deutsche Titel ankündigt. Was euch erwartet, das verraten wir in unserer Kritik.

OT: Thunder Road (USA 2018)

Der Plot

Jimmy Arnaud (Jim Cummings) steht vor der größten Herausforderung seines Lebens: Der Polizeibeamte aus Texas muss seine Scheidung überstehen, das Herz seiner Tochter Crystal (Kendal Farr) für sich gewinnen – und damit zurechtkommen, dass der Kassettenrekorder mit Bruce Springsteens „Thunder Road“ auf der Beerdigung seiner Mutter nicht funktioniert hat. Kein leichtes Spiel für den Chaos-Cop, der auf die bisherigen Rückschläge in seinem Leben mit Wut, Aggression und einem merkwürdigen Tanzstil reagiert hat und nun endgültig dazu gezwungen wird, erwachsen zu werden…

Kritik

Manchmal fragt man sich ja schon, was in den Köpfen der Leute vorgeht, die für die Vermarktung und Publikation von Filmen verantwortlich sind. Nicht selten geschieht das im Zusammenhang mit der Titelfindung, respektive der häufig damit verbundenen Eindeutschung für den hiesigen Filmemarkt. Da werden an Disneyfilme dann schon mal alberne Untertitel drangehangen oder aus dem schmissigen „Uncut Gems“ wird banal „Der schwarze Diamant“. Dem Fass den Boden aus schlägt in dieser Hinsicht nun der deutsche Vertrieb für das in den USA hochgelobte Indie-Drama „Thunder Road“. Sicher: Wir dürfen uns sehr glücklich schätzen, dass diese auf einem gleichnamigen Kurzfilm basierende Perle überhaupt ihren Weg nach Deutschland findet. Sie allerdings mit dem – pardon – völlig bescheuerten Titel „Der Chaos-Cop“ an den Mann zu bringen, der nicht bloß an wüstes Adam-Sandler-Kino (oder, wir erinnern uns, an sowas wie „Let’s be Cops – Die Party Bullen“) erinnert, sondern den Kern der Geschichte obendrein überhaupt nicht erfasst, ist letztendlich eher kontraproduktiv. Schließlich weckt der Titel derart falsche Erwartungen, dass es gar nicht wundert, wenn jemand, der sich auf eine stupide Comedy eingestellt hat, plötzlich eine durch und durch tragische Charakterstudie präsentiert bekommt – und darauf überhaupt keine Lust hat respektive nicht empfänglich ist.

Für Jimmy (Jim Cummings) laufen die Ereignisse aus dem Ruder.

An dieser Stelle also nochmal in aller Deutlichkeit: „Der Chaos-Cop“ ist nicht das, wonach er klingt. Der Originaltitel „Thunder Road“, basierend auf dem gleichnamigen Bruce-Springsteen-Song über einen Aussteiger, der seine Heimat zurücklässt, um in der Ferne ein neues Leben anzufangen, ist das genaue Gegenteil. Im Zentrum: Jim Cummings als Regisseur, Autor, Hauptdarsteller, Komponist und Cutter in Personalunion. Der hierzulande noch weitestgehend unbekannte Regisseur von Kurzfilmen und Serienepisoden (unter anderem für „Still Life“) hat sich „Der Chaos-Cop“ durch und durch auf den Leib geschrieben. Sein tragischer (Anti-?)Held Jimmy Arnaud ist in den 92 Filmminuten zu jedem Zeitpunkt das erzählerische Zentrum. Es gibt kaum eine Einstellung, in der der kurz vor der Scheidung befindliche Vater einer Tochter nicht zu sehen ist. Wir folgen seinem Weg vom emotional aufgewühlten Versager (oftmals weiß man nicht, ob er sein Gesicht gerade zu einem Lachen oder einem Weinen verzieht) hin zum halbwegs stabilen Zeitgenossen in Einstellungen von unmittelbarer Intimität. Wann immer es geht, rückt Kameramann Lowell A. Meyer („Greener Grass“) ihn in den Mittelpunkt seiner bevorzugt langen Einstellungen und lässt dabei schon mal den Blick auf sein Umfeld außer Acht. Absolut jedes Szenario eröffnet sich dem Zuschauer über die Perspektive der Hauptfigur. Etwas, was man in einer derartigen Konsequenz selten zuvor gesehen hat.

„Jim Cummings‘ tragischer (Anti-?)Held Jimmy Arnaud ist in den 92 Filmminuten zu jedem Zeitpunkt das erzählerische Zentrum. Es gibt kaum eine Einstellung, in der der kurz vor der Scheidung befindliche Vater einer Tochter nicht zu sehen ist.“

Das kann bei einer derart ambivalenten Figur wie der des Jimmy Arnaud auch befremdlich sein. Schließlich kann man sich den ausufernden, zum Teil höchst widersprüchlichen Gefühlsausbrüchen einfach nicht entziehen, muss hinschauen, auch wenn es wehtut. Das bekommt man vor allem in zwei Szenen zu sehen, die gleichzeitig Jim Cummings‘ absolut herausragendes Schauspieltalent unter Beweis stellen. Zwei Schlüsselmomente der Geschichte inszeniert Cummings als im One-Shot gedrehte Monologe (der erste dauert zwölf, der andere knapp vier Minuten), in denen das kaputte Innere des Protagonisten besonders deutlich wird. Eine improvisierte Trauerrede auf seine kürzlich verstorbene Mutter wird zum ungewollten Seelenstriptease und treibt den eigentlich nur von seiner Mum Abschied nehmen wollenden Mann an die Grenzen der Belastbarkeit. Zwischen aufopferungsvoller Trauer, völliger Selbstaufgabe und dem hilflosen Versuch, das letzte Bisschen Würde zu behalten, präsentiert uns Cummings hier die komplette Bandbreite menschlicher Emotionen – und so sehr das in vielen Filmkritiken mittlerweile wie eine Floskel klingt, so sehr trifft es hier doch auch wirklich zu. Dass diese Szene außerdem die aller erste ist, sich also besonders charakterbildend für Jimmy erweist, mit dem wir ja immerhin die folgenden eineinhalb Stunden verbringen sollen, spricht obendrein für sehr viel Mut. Riskiert Cummings hiermit doch ganz klar auch eine Abwehrhaltung, die man Zeitgenossen wie ihm im echten Leben nicht selten entgegenbringt – wofür man sich am Ende des Films garantiert schämen wird.

Ein Gespräch an Crystals Schule entwickelt sich anders als erwartet…

Der zweite One-Shot wiederholt auf den ersten Blick die bereits zu Beginn hervorgestellte Unberechenbarkeit in Jimmys Auftreten, fühlt sich aufgrund der seither verstrichenen Zeit und Ereignisse jedoch ganz anders an. Auf der einen Seite ist eine etwaige Wandlung Jimmys bis zum Schluss kaum auszumachen und ist zum Großteil eher auf äußere Umstände denn ein inneres Auseinandersetzen mit seinen Problemen zurückzuführen. Auf der anderen Seite findet Jim Cummings ungeahnte Nuancen in seiner Darbietung von Verzweiflung, die ihn mal wie ein Pulverfass, dann wiederum wie ein ziemlich armes Würstchen erscheinen lassen. Das führt auch dazu, dass „Der Chaos-Cop“ aller Tragik zum Trotz immer wieder auch auf morbide Art lustig ist; etwa bei Jimmys ungelenken Versuchen, mit einer befreundeten Familie ein ganz normales Tischgespräch zu führen. Oder sein Ausraster bei einem Eltern-Lehrer-Gespräch an der Schule seiner Tochter, das auf eine „Pointe“ hinausläuft, die einen fast zu Tränen rührt.

„Zwischen aufopferungsvoller Trauer, völliger Selbstaufgabe und dem hilflosen Versuch, das letzte Bisschen Würde zu behalten, präsentiert uns Cummings hier die komplette Bandbreite menschlicher Emotionen – und so sehr das in vielen Filmkritiken mittlerweile wie eine Floskel klingt, so sehr trifft es hier doch auch wirklich zu.“

Insbesondere Jimmys Bemühen um seine Tochter – und sei es durch noch so unscheinbare Dinge wie das heimliche Üben eines Handklatschspiels, damit er endlich mit ihr mithalten und dadurch einen Zugang zu ihr finden kann – machen „Der Chaos-Cop“ vor allem zu einem rührenden Portrait eines aufopferungsvollen Vaters. Und Jim Cummings liefert mit seiner Performance eine der besten Schauspielerleistungen jüngerer Filmgeschichte ab. Mehr braucht man dazu einfach nicht sagen.

Fazit: „Der Chaos-Cop“ heißt eigentlich „Thunder Road“ und bietet keinen albernen Comedymummenschanz sondern ist ein großartig gespieltes Charakterdrama, das sich auch formal streng an seine anstrengende Hauptfigur hält, damit riskiert, anzuecken, am Ende aber gerade dadurch zu Tränen rührt und einen noch lange über den Film nachdenken lässt.

„Der Chaos-Cop“ ist auf DVD, Blu-ray Disc und als VOD erhältlich.

Ein Kommentar

  • Michael Füting

    Diese Kritik gefällt mir! Vor allem ihr Tenor. Falsche, dumme, entstellende Titel, das ist der typische Marketing-Fake. Wer macht die Titel? Kreative Künstler oder Marketing – Strategen? Nach der amerikanischen Film-Dramaturgie müsste/sollte der Titel nah an der PRAEMISSE, der Idee im Herzen der Geschichte, sein. Alles andere ist einfach nur unseriös…

Und was sagst Du dazu?