Holmes & Watson

Die US-Kritiker haben HOLMES & WATSON in der Luft zerrissen. Die Will-Ferrell-Komödie mischt bei der Goldenen Himbeere 2019 mit. Und sie ist Berichten zufolge so mies, dass Netflix sie nicht kaufen wollte. Ob die Sherlock-Holmes-Persiflage überhaupt irgendwas drauf hat, verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

1881 in London: Durch Zufall lernt Sherlock Holmes (Will Ferrell) den depressiven Afghanistankriegsveteranen Dr. John Watson (John C. Reilly) kennen, der sich eiligst mit ihm anfreundet. Einige Jahre später ist Sherlock Holmes im ganzen Land als genialer Meisterdetektiv bekannt, während Dr. Watson als sein treuer Begleiter dient und die gemeinsamen Abenteuer schriftlich festhält. Ihr neustes Erlebnis: Holmes wird als Zeuge bei der Gerichtsverhandlung gegen seine Nemesis Professor James Moriarty (Ralph Fiennes) erwartet. Doch Holmes glaubt, einer perfide und meisterlich eingefädelten Verschwörung auf die Schliche gekommen zu sein. Können Watson, Haushältern Rose Hudson (Kelly Macdonald) sowie die Amerikanerinnen Dr. Grace Hart (Rebecca Hall) und Millie (Lauren Lapkus) das Chaos überstehen, das unvermeidlich ist, sobald der brillante Meisterdetektiv ohne jegliche Rücksicht auf Andere seinen Theorien nachgeht ..?

Kritik

Sechs Nominierungen für die Goldene Himbeere, darunter als schlechtester Film und für die schlechteste Leinwand-Kombo. Bei RottenTomatoes sind nur mickrige zehn Prozent der gewerteten Kritiken positiv, auch das zahlende Publikum strafte die Komödie ab: Bei einem Budget von 42 Millionen Dollar generierte der Film in seinem Heimatmarkt USA und Kanada lediglich 30,5 Millionen Dollar. Aber die womöglich größte Blamage, die „Holmes & Watson“ über sich ergehen lassen musste: Laut Medienberichten wollte der Verleih Sony Pictures die voll und ganz auf Will Ferrell („Anchorman“) als Zugpferd setzende Comedy nach mehreren grottigen Testvorführungen an Netflix verhökern – frei nach Paramounts Umgang mit „The Cloverfield Paradox“ und Warners Behandlung des Andy-Serkis-Films „Mogli – Legende des Dschungels“. Doch Netflix, die Heimat diverser mieser Adam-Sandler-Filme und des völlig missratenen „Game Over, Man“, habe sich geweigert. Autsch. Doch dieser gewaltige Anti-Hype, der „Holmes & Watson“ vor seiner deutschen Kinoauswertung ereilt, könnte der neuen Regiearbeit von Etan Cohen („Der Knatcoach“) jedoch bizarrerweise behilflich sein. Nicht, dass ein Kassenerfolg plausibel wäre – zumindest aber dürfte die Erwartungshaltung jener, die eine Karte für diese „Sherlock Holmes“-Parodie lösen, so niedrig sein, dass sie dezent-positiv überrascht aus Saal spazieren.

John C. Reilly und Will Farrell als Dr. John Watson und Detektiv Sherlock Holmes.

Merke: Die Betonung liegt auf „dezent“, denn Cohens ziemlich spät nachgereichte Persiflage auf Guy Ritchies „Sherlock Holmes“-Filme (zur Einordnung: die erste Ankündigung zum Film machte Sony 2008, damals waren noch Ferrell und Sacha Baron Cohen in den Titelrollen vorgesehen) ist tatsächlich über längere Strecken sehr unlustig. Ein großes Problem ist, dass  Regisseur und Autor Etan Cohen in „Holmes & Watson“ partout nicht weiß, wann Schluss ist. Ob Kotzgags, hölzerner Slapstick oder verwirrtes Gebrabbel der handelnden Figuren: Cohen reitet Sachen, die selbst als kurzer Scherz nur leidlich unterhaltsam wären, tot und hoppelt danach noch weiter auf ihnen herum. Das ärgste Problem an dieser Komödie ist jedoch die inkonsistente Charakterisierung ihres Protagonisten. Will Ferrells Sherlock Holmes ist ein schwammiges Irgendwas, das je nach Szene einen absoluten Trottel darstellt, den unerklärlicher Weise alle Anderen für intelligent halten, oder er ist ein intelligenter Mensch, der jedoch ungeschickt ist und den Irrtümern seiner Zeit unterliegt oder aber er ist ein absolutes Genie. Dadurch, dass Holmes so inkonsistent geschrieben ist, und Will Ferrell ihn völlig unfokussiert spielt, fällt es schwer, eine Beziehung zu dieser Figur aufzubauen. Wir sollen mit ihm lachen, über ihn lachen, trotz ihm lachen – es ist totale Willkür, und so scheitert „Holmes & Watson“ daran, eine Erwartungshaltung aufzubauen, die komödiantisch gebrochen werden kann. Ähnliches gilt für John C. Reilly („Kong: Skull Island“) als naiver, nein, dümmlicher, nein, nahezu lebensunfähiger, nein, gewiefter, aber neben Holmes verblassender Watson.

Während die Kostüme schick und die verschnörkelte Ausstattung angesichts des Budgets respektabel sind, ist Cohens Regieführung weitestgehend konzeptlos, weshalb Ferrells und Reillys längere Slapstickpassagen spröde ausfallen und die direkten Parodien auf Guy Ritchies Actioneinlagen schal bleiben. Was jedoch aufgeht, sind Hintergrundgags, die sich rückwirkend auf Wissensirrtümer des Viktorianischen Zeitalters lustig machen. In dieselbe Kerbe schlägt zudem Rebecca Hall mit ihrer Rolle: Die „The Gift“-Nebendarstellerin ist das wandelnde Highlight des Films und gibt als amerikanische Ärztin wiederholt voller Stolz Sätze von sich wie „Ich verdiene 30 Cent für jeden Dollar, den ein männlicher Arzt macht!“ Hall macht ihre Dialogzeilen zu gelungenen Gags, weil sie ihre Rolle fern jeglicher Ironie anlegt, sie glaubt vom ganzen Herzen, sie hätte Hervorragendes erreicht. Und dieser Mangel an Ironie in Halls Spiel ist der überraschende Funke, der es zünden lässt, während Ferrell ähnliche Sprüche zumeist wissend-dümmlich verpackt und wie ein nerviger Schuljunge klingt, der seinem Gegenüber dessen Fehlwissen in einem Nachäff-Tonfall unter die Nase reibt.

Rebecca Hall gehört in der Rolle der Dr. Grace Hart zu den wenigen Highlights von „Holmes & Watson“.

Wenn Reilly und Ferrell dümmliche, doch freundlich gesonnene Kumpels abgeben, findet sich „Holmes & Watson“ aber szenenweise, genauso, wann immer der Humor kurzzeitig bissiger wird. Lauren Lapkus („Orange Is The New Black“) hat wiederum als Weggefährtin von Halls Dr. Hart kaum etwas zu tun, überzeugt aber mit comichafter Mimik, während die sonst so subtile Kelly Macdonald („No Country for Old Men“) es hier mit einer karikaturesken, großen Performance versucht, was eine riskante Entscheidung ist, aber allein schon aus schierem Wahnwitz ein paar Schmunzler erzeugt. Ralph Fiennes („A Bigger Splash“) als Moriarty und „Dr. House“-Star Hugh Laurie in der Rolle von Sherlocks Bruder Microft sind in „Holmes & Watson“ unterdessen sträflich unterfordert. Einen weiteren Sympathiepunkt sichert sich „Holmes & Watson“ hingegen mit einer parodistischen Musicalnummer des „Rapunzel“-Duos Alan Menken & Glenn Slater, selbst wenn Cohens ideenlose Inszenierung der Nummer keinen Gefallen tut. Mark Mothersbaugh dagegen kann mit seinem Score à la „Hans Zimmers‘ Musik zu  ‚Sherlock Holmes‘ in der Discountvariante“ nur vereinzelt Akzente setzen und die Tonabmischung ist (in der Originalfassung) sogar ein völliger Graus – Studio-Nachvertonungen und Set-Tonaufnahmen sind konfus und ohne Bemühungen, ein homogenes Ergebnis zu erzeugen, durcheinandergemischt.

Fazit: Machen wir uns nichts vor: „Holmes & Watson“ ist eine Komödie voller Rohrkrepierer und ziemlich unausgegoren – ein paar Lacher hat dieser Film aber zu bieten, nicht zuletzt dank Alan Menken, Glenn Slater und Rebecca Hall. „Schwach, aber besser als die grauenvollen US-Kritiken mutmaßen lassen“ ist ein ungeheuerlich schwaches Kompliment, aber diese Version von Sherlock Holmes und Dr. Watson braucht jedes Lob, das sie kriegen kann.

„Holmes & Watson“ ist ab dem 7. Februar 2019 in einigen deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • es ist bedauerlich, dass der Name „Sherlock Holmes“ nicht mehr geschützt ist.
    Was jetzt da alles an Müll produziert wird, ist erschaudernd

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