Fikkefuchs

Erst kürzlich wurde das Plakat zu FIKKEFUCHS für die Münchener Öffentlichkeit verboten. Journalisten verließen deutschlandweit Pressevorführungen und die, die sich die Satire bis zum Schluss ansahen, stehen ihr gespalten gegenüber. Was es mit dem Film wirklich auf sich hat, dass verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Es gab mal eine Zeit, da konnte der gebürtige Wuppertaler Rocky (Jan Henrik Stahlberg) sie alle haben. Er spielte französische Chansons und die Frauen schmolzen reihenweise dahin. Das ist zwar längst vorbei, aber als der kürzlich aus der „Klappse“ geflohene Thorben (Franz Rogowski) vor seiner Tür steht, wird er noch einmal herausgefordert. Der junge Mann, der behauptet sein Sohn zu sein, weiß nicht, wie man Frauen flachlegt und Rocky soll es ihm beibringen. So gehen sie auf die Jagd: Junge, schöne Frauen sollen es sein, die nur auf sie gewartet haben – sagen sie.

Kritik

Filme sind immer auch eine Geschmacksfrage – mag ich das, was mir der Regisseur da auf der Leinwand präsentiert, oder kann ich damit so gar nichts anfangen? Im Falle von Jan Henrik Stahlbergs Satire „Fikkefuchs“ über das männliche Geschlechterverständnis geht diese Frage allerdings über das übliche „Gefällt mir das, oder gefällt mir das nicht?“ hinaus. Da wird vor laufender Kamera gevögelt, gekotzt und in die Badewanne gekackt, während immer wieder Bilder aus Hardcore-Pornos gezeigt, oder sich an den Aufnahmen von weiblichen Dekolletés oder Hinterteilen gelabt wird; und im Hintergrund dröhnen harte, frauenfeindliche Hip-Hop-Lyrics. Was so schon ein Skandal sein könnte, geht noch weiter: Mittlerweile wurde in mehreren deutschen Städten das Anbringen des offiziellen Filmplakats verboten (es zeigt einen weiblichen Unterleib, in dessen Schambereich das Antlitz eines Fuchses zu sehen ist) und bei den Kritikern gehen die Meinungen von Meisterwerk bis sexistischer Müll extrem auseinander. Dabei ist „Fikkefuchs“ von der Idee her eigentlich das Beste, was dem Kino nach dem großen Weinstein-Skandal und der darauf folgenden „MeToo“-Kampagne passieren kann, denn der ohnehin für seine polarisierenden Werke bekannte Jan Henrik Stahlberg („Einsamkeit und Sex und Mitleid“) liefert mit seiner dritten Regiearbeit eine schonungslose Satire auf fehlgeleitete Männlichkeitsideale ab, die bewusst auf den Magen schlägt und die man danach nicht noch einmal sehen will. Gleichwohl hat sich bislang noch Niemand so frei mit einem Thema befasst, das veraltet scheint, jedoch noch lange nicht ist.

Thorben (Franz Rogowski) und Rocky (Jan Henrik Stahlberg) bei einem Kurzs zum Thema „Frauen richtig aufreißen“.

Man muss „Fikkefuchs“ nicht mögen. Im Gegenteil: Jan Henrik Stahlberg, der die Regie, das Skript sowie eine der beiden Hauptrollen in Personalunion übernahm und seinen Film als No-Budget-Projekt via Crowdfunding inszenierte, stößt sein Publikum von der aller ersten Szene an immer wieder brutal vor den Kopf. Seine beiden „Protagonisten“ werden nicht bloß als gewaltige sexistische und sich maßlos in ihrer Wirkung auf Frauen überschätzende Arschlöcher etabliert, sie bleiben es auch bis zum Schluss. Interessant ist dabei: Trotzdem machen Rocky und Thorben einen charakterlichen Wandel durch, der sie zwar nicht zu besseren Menschen werden lässt, sie allerdings zu (Fehl-)Erkenntnissen führt, zu denen sie ohne das Geschehen auf der Leinwand vermutlich nicht gelangt wären. Trotzdem geben sich Jan Henrik Stahlberg und Franz Rogowski („Happy End“) in ihren jenseits jedweder Tabus und Eitelkeiten stattfindenden Performances Mühe, ihre durchaus karikiert konzipierten Figuren wie der Inbegriff des sexistischen Widerlings aussehen zu lassen. Rogowski legt seinen Schwerpunkt dabei auf die generelle Dreistigkeit im Umgang mit Frauen und schiebt dabei noch nicht einmal eine Art höheres Ziel vor, während Jan Henrik Stahlberg den Part eines gealterten Möchtegerncasanovas übernimmt (bis zuletzt bleibt offen, ob die Erzählungen wahr oder ausgedacht sind), der ein ganz ähnliches Frauenbild hat, dieses allerdings dahinter versteckt, ja eigentlich ein ganz charmanter Kerl zu sein – und sich damit als das noch viel größere Arschloch entpuppt.

Beide Darsteller gehen in bester Weise in ihren widerlichen Rollen auf, kennen keine Scheu darin, Nacktheit vor der Kamera zu zelebrieren und agieren so authentisch, wie man es in solchen Projekten benötigt, um die begrenzten Budgetmittel in einen Vorteil umzukehren; so erweckt „Fikkefuchs“ in vielen Szenen einen fast schon dokumentarischen Eindruck und schafft es, die angesprochenen Thematiken noch glaubhafter anzusprechen. Für den Zuschauer hat das allerdings nicht immer nur Vorteile, denn dabei zuzusehen, wie das Duo unterwegs die Handykamera zwischen die Beine fremder Frauen hält, gleichermaßen hilflose wie dummdreiste Baggerversuche an fremden Damen startet und bei entsprechenden Abfuhren zu pöbeln beginnt, ist mitunter schmerzhafter mit anzusehen, als einige um der Provokation Willen im Film untergebrachte Momente, die lediglich die Grenzen des guten Geschmacks ausloten, zur Handlung hingegen nichts beitragen. In der Beobachtung seiner Figuren ist Jan Henrik Stahlberg dann allerdings wieder sehr differenziert und subtil; so sind Thorben und Rocky etwa zu keinem Zeitpunkt aggressive Männer (wenn die beiden im Hausflur täglich aus Versehen über ein im Weg stehendes Bobby Car stolpern, stellen sie es immer wieder brav an die Wand, anstatt sich darüber aufzuregen, wie sie es etwa im Zusammenhang mit den vielen ins Leere laufenden Flirts tun), aber doch sind sie gleichermaßen weit entfernt von der typischen „Boys Will Be Boys“-Ausrede. „Fikkefuchs“ zeichnet schmerzhaft und auf extrem überspitzte Weise nach, was passieren würde, hätte sich das Mann-Frau-Bild von vor Jahrzehnten, einhergehend mit den damit verbundenen Selbstverständlichkeiten konsequent durchgesetzt und weiterentwickelt, und haut diese Erkenntnisse dem Zuschauer nur so um die Ohren, bis sich offenbart, dass in den diversen Vollprolls in Wirklichkeit auch nur bemitleidenswerte Würstchen stecken.

Vater und Sohn legen ich ihre „Flirt“-Strategien zurecht…

Besonders spannend wird „Fikkefuchs“ allerdings immer dann, wenn Jan Henrik Stahlberg und sein Co-Autor Wolfram Fleischhauer („Muxmäuschenstill“) nicht bloß die Gedanken des männlichen Geschlechts auseinander nehmen, sondern sich auch an die abstrakten (und bisweilen durchaus paradoxen) Vorstellungen von Emanzipation und Feminismus wagen. Das kommt insgesamt zwar etwas zu kurz, doch die interessantesten Erkenntnisse liefert „Fikkefuchs“ somit im Vorbeigehen. Wenn sich Thorben freimütig aus einer versuchten Vergewaltigung herauszureden versucht, indem er als Argument anwendet, sein Fast-Opfer hätte mit ihren offen zur Schau gestellten Brüsten ja regelrecht darum gebettelt, mit ihm zu schlafen, stellt Stahlberg derartigen geistigen Verirrungen das Prinzip von Swingerpartys gegenüber oder zeigt eine splitterfasernackte Saunabesucherin, die ihrem männlichen Gegenüber kokett grinsend ihren Schambereich zeigt. „Fikkefuchs“ ist ein Tanz auf der Rasierklinge, immer balancierend zwischen Anklage, Provokation und Entlarvung existenter Missstände. Dass dabei nicht jede Aussage voll ins Schwarze trifft, ist unumgänglich, genauso wie der Film in mancherlei Kommentar durchaus subtiler hätte sein dürfen (wenn Thorben etwa durch die Innenstadt Berlins läuft, um dort Frauenbrüste und –Hintern zu filmen, bleibt er vor einer riesigen Werbetafel stehen, auf der sich eine halbnackte Frau im Auftrag einer bekannten Modemarke räkelt – geduldeter Sexismus in der Werbebranche eben), doch letztlich ist „Fikkefuchs“ einfach viel zu gut darin, endlich mal auszusprechen, was ausgesprochen gehört.

Fazit: „Fikkefuchs“ guckt man einmal und nie wieder – und genau das ist gut so! Auch wenn Jan Henrik Stahlberg hier und da über das Ziel hinaus schießt, ist seine tabulose Satire auf ein gestörtes Mann-Frau-Verhältnis eine treffsichere Analyse über nach wie vor existierende Missstände in unserer Gesellschaft.

„Fikkefuchs“ ist ab dem 16. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

3 Kommentare

  • Ich habe FIKKEFUCHS auf dem Filmfest München gesehen und hatte keine großen Erwartungen. Und die wurden noch unterboten. Im Grunde ist der Film ein 90-Minüter, indem es unentwegt um die Begattung der Frau geht. Und als Vertreterin dieses Geschlechts war ich von den Figuren irgendwann nur noch angeekelt und bin mental aus der Geschichte ausgestiegen. Ich verstehe durchaus die dahinterliegende Intention, aber den gleichen Effekt hätte man vielleicht auch mit anderen Mitteln erzeugen können.

    Eine Szene, die mich übrigens viel mehr an die ganze Weinstein-Thematik erinnert hat, war das Ende der Affenperformance in THE SQUARE. Hier beginnt der Künstler, der ohnehin schon den kompletten Raum und die darin anwesenden Menschen für sich eingenommen hat, mit einer schönen Frau zu flirten. Erst ist das auch ganz nett, aber dann hält er ihre Haare fest und obwohl sie äußert, dass sie das nicht mag, macht er weiter. Keiner der Anwesenden hilft ihr. Diese Bilder habe ich heute noch im Kopf. Die Szenen aus FIKKEFUCHS, die ich gesehen habe, verdränge ich seit Monaten erfolgreich.

  • Ein weiteres Zeitzeugnis wie krank die Welt doch ist.

  • Vielen Dank für diese sehr gute tiefgründige Kritik!
    Sie steht damit diametral im Gegensatz zur Filmkritik auf Spiegel Online, in der der Autor den Film nicht einmal in Ansätzen verstanden hat:
    http://www.spiegel.de/kultur/kino/fikkefuchs-wenn-der-vater-mit-dem-sohn-frauen-begrapscht-a-1177766.html

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