Irrational Man

Woody Allen legt mit IRRATIONAL MAN seine mittlerweile 46. Regiearbeit für die große Leinwand vor. Darin erzählt er von einem des Lebens überdrüssig gewordenen Mann, der die Bekanntschaft zweier vollkommen unterschiedlicher Frauen macht. Doch so richtig prägt ihn erst ein Gespräch, das er belauscht und wodurch er seinem Leben eine ganz neue Bedeutung beimessen könnte. Eine kleine, feine Tragikomödie mit pechschwarzem Humor – meine Kritik lest Ihr hier.Irrational Man

Der Plot

Der Philosophieprofessor Abe Lucas (Joaquin Phoenix) ist emotional auf einem Tiefpunkt angekommen: Absolut nichts scheint ihm mehr sinnvoll zu sein – von der Lebensfreude ganz zu schweigen. Als Abe seine Dozententätigkeit an einem Kleinstadt-College aufnimmt, lässt er sich bald darauf mit zwei Frauen ein: Die einsame Professorin Rita Richards (Parker Posey) erwartet von Abe, dass er sie aus ihrer unglücklichen Ehe rettet, und seine beste Studentin Jill Pollard (Emma Stone) wird bald zu seiner engsten Vertrauten. Durch einen reinen Zufall verändert sich für Abe und Jill alles, als sie das Gespräch eines Fremden belauschen, das sie nicht mehr loslässt. Sobald Abe einen wichtigen Entschluss gefasst hat, gelingt es ihm auch, sein Dasein erneut in vollen Zügen zu genießen. Doch seine Entscheidung löst eine Kettenreaktion aus, die auf sein Leben ebenso wie auf Jill und Rita weitreichende Auswirkungen haben wird.

Kritik

Wenn auf einen Menschen in Hollywood die Floskel „noch lange nicht zum alten Eisen gehören“ zutrifft, dann ist das Woody Allen. Der New Yorker Tausendsassa wird in diesem Jahr runde 70 Jahre alt und legt seit 1982 dennoch in geordneter Regelmäßigkeit (mindestens) einen Film pro Jahr vor. Irgendwann ließ sich anhand des weltweiten Pressekonsens ein Trend ableiten: Auf einen guten Film folge, glaubt man der Journaille, ein schlechter. Und nicht nur die Kritiker scheinen dieser Meinung zu sein. Auch die Award-Jurys scheinen lediglich jeden zweiten Film von Allen zu berücksichtigen. Nach dem frenetisch gefeierten Drama „Blue Jasmine“ und dem unscheinbar gebliebenen „Magic in the Moonlight“ müsste nun also einmal mehr ein echtes Woody-Allen-Schmankerl in die Kinos kommen. Offenbar hat sich der Filmemacher und Drehbuchautor an die an ihn gestellten Anforderungen gehalten. Die bitterböse Tragikomödie „Irrational Man“ vereint jenen scharfzüngigen Humor aus „Blue Jasmine“ mit der philosophischen Melancholie aus „Midnight in Paris“ und lässt diese Zutaten mithilfe einer „Vicky Christina Barcelona“-gleichen Leichtigkeit verschmelzen. Joaquin Phoenix erweist sich dabei einmal mehr als hoffnungsvoller Träumer, erinnert in seiner Performance an jene aus „Her“ und trifft auf eine um ihn herumwirbelnde Emma Stone („Birdman“), deren Spielfreude wahrlich ansteckend ist. „Irrational Man“ ist – unter Berufung auf die gewitzte Schlusspointe sogar im wahrsten Sinne des Wortes – eine runde Sache, die das ausstaffierte Kino von Woody Allen auch all jenen Zuschauern näher bringen könnte, die mit den Werken des Regisseurs bislang eher wenig anfangen könnten. Eine solch späte Würdigung von Seiten des Mainstreamkinos hat im letzten Jahr bereits Wes Anderson erlebt, als sein „Grand Budapest Hotel“ an den weltweiten Kinokassen durch die Decke ging – mehr oder weniger zur Überraschung sämtlicher Beteiligter.

Irrational Man

Schon in „Her“ spielte Joaquin Phoenix einen mit seiner leeren Gefühlswelt vollkommen überforderten Traumtänzer, der sich in die Stimme seines Betriebsprogrammes verliebt. In „Irrational Man“ spielt die Liebe eine eher untergeordnete Rolle, wenngleich die Figur des Abe direkt mit zwei Frauen konfrontiert wird. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Die vom Leben frustrierte Rita und die nach Höherem strebende, zuversichtliche Jill bringen auf ihre ganz eigene Art verschiedene Emotionen in Abes Leben. Da sich Abe in seiner Rolle des Grüblers jedoch zuletzt ziemlich wohl gefühlt hat, fordern ihn die unterschiedlich motivierten Antriebe seiner weiblichen Mitmenschen dazu auf, seine Lebenseinstellung zu überdenken. Eine Handlung, die durchaus gegen Abes Bequemlichkeit agiert und deren Zerrissenheit Phoenix hervorragend Ausdruck verleiht. Der Charaktermime und Golden-Globe-Preisträger (2006 für „Walk the Line“) macht aus dem augenscheinlich depressiven Philosophen eine wankelmütige Hauptfigur, die mit allem hadert; vor allem aber mit sich selbst. Abe wäre gern aktiv und engagiert, fühlt sich in seiner Starrheit jedoch auch ganz wohl. Er lässt das Leben an sich vorbeiziehen, wundert sich dann allerdings, wenn es das tatsächlich tut. Die schwadronierenden Einschübe seines hochgradig gebildeten Charakters fassen immer wieder treffend zusammen, wie sich Abe gerade fühlt. Sobald es hingegen zu sehr einer Endlosschleife gleicht, lässt das Skript die beiden Damen auf den Schirm treten.

Emma Stone mimt die in ihrer Leichtigkeit beeindruckende Verführerin, während Parker Posey („Grace of Monaco“) versucht, als frustrierte Ehefrau ihre Erfahrung auszuspielen. Die Frauen ergänzen sich nicht. Vielmehr decken sie ganz unterschiedliche Bedürfnisse ihres Angebeteten Abe ab und treffen im Film erst sehr spät zusammen. Das Drehbuch ist klug. Es legt die beiden nicht als direkte Konkurrenz an, sondern macht sie in entscheidenden Situationen gar zu so etwas wie Komplizen. „Irrational Man“ handelt weder von einer Dreiecksgeschichte, noch von der Liebe. Stattdessen geht es um nicht weniger als den Sinn des Lebens und eben das lässt insbesondere die zweite Filmhälfte besonders stark hervortreten. Die ersten 45 Minuten befassen sich mit dem Kennenlernen Abes und den beiden Frauen. Es zeichnet das Seelenleben des Protagonisten (?) nachvollziehbar nach, markiert Bedürfnisse, Vorlieben und legt den Finger in die Wunde der von ihm gelebten Hoffnungslosigkeit. Für Woody Allen typisch funktioniert viel über Dialog. Jedwede Form der Symbolik oder der Interpretation spielt eine äußerst untergeordnete Rolle. Der Fantasie muss hier nichts überlassen werden. Was passiert, passiert vor den Augen des Zuschauers. Im Falle von „Irrational Man“ ist jedoch entscheidend, was die Macher mit der so aufgebauten Erwartungshaltung des Publikums machen. Nach der Hälfte der Laufzeit dekonstruieren sie den mühevoll aufbereiteten Hauptcharakter und lassen zum ersten Mal in der Geschichte des Woody-Allen-Films so etwas wie Anarchie walten.

Joaquin Phoenix

„Irrational Man“ springt munter zwischen den einzelnen Genres Komödie und Drama hin und her, versucht anders diverse andere Beiträge der Tragikomödie jedoch nie, ein realistisches Abbild des Lebens zu zeichnen. Allen steigert sich immer mehr in die Überhöhung seiner Figuren hinein, bis jene schließlich zu Karikaturen werden. Das Finale, eine Schlusspointe, die „Irrational Man“ mit einer hervorragenden Dramaturgie-Klammer umschließt, ist schließlich gar von Slapstick geprägt und nimmt, für Allen untypisch, regelrecht alberne Züge an. Was sich wie ein grobmotorisches Sammelsurium viel zu vieler Einflüsse anhört, erweist sich jedoch als goldrichtige Mischung. „Irrational Man“ schubst uns in ein kontroverses Szenario, dessen sukzessive Eskalation die Wechselwirkung von Überraschung und Erwartung beweist. Gut und Böse ist hier nichts. Auch von den Attributen Richtig und Falsch sollte man als Zuschauer besser Abstand nehmen. Stattdessen weiß Woody Allen ganz genau, wie er sein Publikum unter Kontrolle hat. Er spielt mit ihm, hat Freude daran, das Gesagte zu unterwandern und seine Schauspieler philosophieren zu lassen. Am Ende verschmelzen Lachen und Weinen schließlich zu einer Einheit der Erkenntnis. Hätte Abe doch einfach „Irrational Man“ gesehen. Dann wäre ihm das, was ihm hier passiert, vielleicht nie wiederfahren.

Fazit: Mit „Irrational Man“ beweist Altmeister Woody Allen einmal mehr seine Daseinsberechtigung unter den Regielegenden. Seine Tragikomödie verzichtet auf allzu weit hergeholte Plottwists und funktioniert in Gänze über die Erwartungshaltung seiner Zuschauer. Damit bedient die Geschichte jede Gefühlslage und lässt sich in unterschiedlichen emotionalen Verfassungen aus vollkommen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Daher lohnt sich mehr als nur ein Blick auf „Irrational Man“, der bei den kommenden Oscars die eine oder andere Chance haben dürfte.

„Irrational Man“ ist ab dem 12. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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