Fack ju Göhte 2

2013 lieferte Bora Dagtekin mit seiner Schulgroteske „Fack ju Göhte“ einen der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten ab. Über 7 Millionen Besucher erfreuten sich an den Eskapaden von Knacki-Pauker Zeki Müller und seiner Schwachmaten-Klasse 10b – kein Wunder also, dass nun zwei Jahre später die Fortsetzung in den Startlöchern steht. Darin begibt sich die Albtraumklasse auf Klassenfahrt nach Thailand. Eine Entscheidung, die FACK JU GÖHTE 2 zu ebenso viel Licht wie Schatten verhilft. Mehr zum Film in meiner Kritik.

Fack ju Göhte 2

Der Plot

Alle lieben Haudrauf-Lehrer Zeki Müller (Elyas M’Barek), aber den nervt sein neuer Job an der Goethe-Gesamtschule: frühes Aufstehen, aufmüpfige Schüler und dieses ständige Korrigieren! Zu allem Überfluss will Power-Direktorin Gerster (Katja Riemann) die altsprachliche Konkurrenz ausbooten und dem Schillergymnasium die thailändische Partnerschule abjagen. Ihr Traum: Das Image der Goethe-Gesamtschule steigern, um Aushängeschild der neuen Kampagne des Bildungsministeriums zu werden. Nichts liegt Zeki ferner, als mit seinen „Schwachmaten“ auf internationale Klassenfahrt zu gehen, aber als ein überraschend aufgetauchter Rest seiner Beute durch ein Missgeschick von Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth) in einem Spendencontainer nach Thailand landet, hat er keine andere Wahl: Er muss seine in einem Kuscheltier versteckten Diamanten zurückbekommen. Müller verdonnert sich freiwillig zur Klassenfahrt in ein thailändisches Küstenkaff. In Südostasien drehen Chantal (Jella Haase), Zeynep (Gizem Emre), Danger (Max von der Groeben) & Co erst so richtig auf und präsentieren ein schillerndes Spektrum an sozialer Inkompetenz. Und als ob Zeki mit dem wilden Lehrer-Schüler-Krieg nicht schon genug zu tun hätte, entbrennt auch noch ein gnadenloser Konkurrenzkampf mit dem elitären Schillergymnasium und dessen versnobtem Superpädagogen Hauke Wölki (Volker Bruch), der nur ein Ziel hat: Müllers Karriere zu beenden.

Kritik

Die Fortsetzungsmaschinerie läuft nicht nur in Hollywood auf Hochtouren. Auch hierzulande ist ein zweiter Teil im Erfolgsfall die Regel, egal, ob es inhaltlich passt, oder nicht. Im Falle von „Fack ju Göhte“, dem mit über sieben Millionen Besuchern erfolgreichsten Film des Jahres 2013 und dem vierterfolgreichsten, deutschen Film aller Zeiten, scheiden sich die Geister. Die Geschichte um den Ex-Knacki Zeki Müller (Elyas M’Barek), der auf der Suche nach seiner ergaunerten Beute Hals über Kopf ins Lehrerdasein katapultiert wird, war auf ein einmaliges Abenteuer ausgelegt. Doch die Etablierung kultpotenzieller Charaktere wie etwa dem Vollproleten Danger (Max von der Groeben) und dem strunzdoofen Barbie-Abziehbild Chantal (Jella Haase) rechtfertigt ein Sequel zu „Fack ju Göhte“ ebenso wie die immensen Einnahmen aus Kino- sowie DVD-Veröffentlichung. Doch was tut man, wenn der eigentliche Plot um die Hauptcharaktere im Grunde genommen auserzählt ist? Man verschifft den Cast an einen anderen Ort – so gesehen in „Stromberg – Der Film“, „Türkisch für Anfänger“ oder den Eskapaden um das „Hangover“-Wolfsrudel. Für Zeki und seine Terrorklasse geht es in „Fack ju Göhte 2“ also auf Klassenfahrt nach Thailand und dieser Kulissenwechsel bedeutet für das fertige Filmprojekt Fluch und Segen zugleich. Ausgerechnet das neue Setting legt die Drehbuchschwächen rigoros frei und offenbart, dass das Unterfangen „‘Fack ju Göhte‘-Fortsetzung“ gern noch ein Jahr länger auf sich hätte warten lassen dürfen. Die Geschichte ist hauchdünn, wird nur rudimentär von einem alibimäßig in die Handlung eingearbeiteten Krimi-Plot zusammengehalten und wirkt ganz so, als hätte man erst am Set Teile der Story gesponnen und nicht anders herum. So ist „Fack ju Göhte 2“ inhaltlich allenfalls eine Nummernrevue – die meisten dieser Nummern sind jedoch einmal mehr auch verdammt komisch.

Fack ju Göhte 2

Subtilität war noch nie das Ding von Regisseur Bora Dagtekin und seinem Team, das in Teil eins bereits die Missstände der deutschen Bildungspolitik auf die Schippe nahm, dabei jedoch auf Vorschlaghammerhumor baute und sich davon freisprach, ein Lehrstück im Umgang mit Lehrern sein zu wollen. Stattdessen arbeitete die Komödie mit starken Überzeichnungen, betonte aber auch, dass in jeder Überzeichnung zwangsläufig immer ein Funken Wahrheit steckt. So war schon „Fack ju Göhte“ kein zur Realität identisches Abbild deutscher Schüler- und Lehrergewohnheiten. Aber der Film traf viele Eigenheiten der Bildungspolitik ebenso im Kern wie die Zustände der Jugendverrohung. Das sorgte auch dafür, dass „Fack ju Göhte“ auf beiden Seiten für (positive) Furore sorgte: Dagtekins Arbeit stieß sowohl bei Schülern, als auch bei Lehrern auf Akzeptanz und Wohlwollen. Nicht zuletzt auch, weil das Skript (Dagtekin) auf sprachlicher Ebene einen Zeitgeist traf, von dem viele behaupteten, er würde die Kommunikationsgewohnheiten unserer Jugend gnadenlos persiflieren; in Wirklichkeit befanden sich die Macher allerdings so nah an der Wahrheit, wie im aktuellen Deutschkino keiner zuvor. Und während einige Kritiker dem Film vorwarfen, dem bildungsfernen Proletentum mit „Fack ju Göhte“ eine sich selbst feiernde Plattform zu geben, so wurde mit derartigen Aussagen offenkundig verpasst, die zwischen den Zeilen sehr kritischen Ansätze zu erkennen. Mit humoristischer Wonne aber erkennbarem Nachdruck wurde hier der Finger in eine Wunde gelegt, der man heutzutage wohl nur noch mit nackter Derbheit beikommen kann, um etwas an ihrem Zustand zu ändern. Denn dass aus den Diskussionen über die Missstände der deutschen Bildungspolitik keine erkennbaren Lösungen erwachsen, beweist allein schon die Tatsache, dass die Zustände in „Fack ju Göhte 2“ zwei Jahre nach dem Auftaktfilm nichts von ihrer Brisanz verloren haben.

„Fack ju Göhte“ katapultierte die deutsche Komödie in seiner treffsicheren Alltagsbeobachtung und mit dem Mix aus Satire, Klamauk und Derbheit mit einem Schlag ins Hier und Jetzt. Auch technisch legte die stylisch-knallbunte Popverfilmung einen Drive an den Tag, von dem sich diverse deutsche, um Aktualität und das Treffen des Publikumsnervs bemühte Regisseure etwas abschauen können. Entsprechend groß sind auch die Fußstapfen, die sich Bora Dagtekin selbst hinterlassen hat und in die er nun mit „Fack ju Göhte 2“ zu treten versucht. Doch leider hat Dagtekin die Rechnung diesmal ohne die Relevanz der Story gemacht, was beweist: Auch wenn die Geschichte selbst im ersten Teil nicht der entscheidende Faktor war, um zum Gelingen des Films beizutragen, so ist sie in einer Fortsetzung umso wichtiger. Und genau hier stellt sich „Fack ju Göhte 2“ in seiner Mischung aus Wiederholung, Verbeugung und dem Betreten neuer Wege ein Bein. Inhaltlich ist Dagtekins Arbeit nämlich allenfalls Stückwerk, das Elemente aus dem ersten Teil lieblos ein zweites Mal aufgreift (anstatt sich an seine Beute heran zu graben, muss er ihr in Teil zwei eben nach Thailand hinterher reisen) und mithilfe substanzarmer Ideen zu Eigenständigkeit zu kommen versucht. Ebenjene Dynamik aus „Fack ju Göhte“ kann sich im Sequel somit schon deshalb nicht einstellen, weil die Authentizität auf Kosten der behäbigen Konstruktion geht. „Fack ju Göhte 2“ schlittert geflissentlich an ebenjener Bodenständigkeit des ersten Films vorbei, durch welche die Fallhöhe der Schüler-Lehrer-Eskapaden erst so richtig deutlich wurde. Und als würde Dagtekin das vollkommene Lossagen des realistischen Beiklangs extra betonen wollen, lässt er den angenehmen Story-Ruhepol in Form von Lehrerin Lisi Schnabelstedt gleich ganz zuhause – ein tatsächlich sehr unglücklicher Schachzug.

Fack ju Göhte 2

Zeki Müller und seine ihn drangsalierende Klasse bestreiten die knappen zwei Filmstunden also fast im Alleingang und hangeln sich an ihrem blassrosa Faden von einer Sketchnummer zur nächsten. Dabei schneidet das Skript durchaus angenehme Momente an: Wann immer Bora Dagtekin Tempo und Lautstärke (!) seiner Produktion zurückfährt, offenbart sich ebenjenes Herz, mit dem auch schon „Fack ju Göhte“ so hervorragend auftrumpfen konnte. Der Regisseur lässt es sich nicht nehmen, die Tsunamikatastrophe von 2004 unverkrampft und mit einer erstaunlichen Sensibilität in die Geschichte zu integrieren. Auch die persönlichen Hintergründe der einzelnen Schüler werden endlich ausführlich thematisiert und in einer stilsicher arrangierten Szene mit den Eigenheiten der Prolls verknüpft. „Fack ju Göhte 2“ ist mit seiner Laufzeit von 115 Minuten einfach ein gutes Stück zu lang und fällt zwischen den mit Nachdruck und Können inszenierten Szenen immer wieder negativ durch Leerlauf auf. Doch eines kann man Dagtekin auch diesmal nicht absprechen: sein Gespür für Humor. Wenngleich „Fack ju Göhte 2“ inhaltlich nicht annähernd so clever ist wie Teil eins und man aus den gegebenen Möglichkeiten nur einen Bruchteil des Optimums herausholt (neben Karoline Herfurth darf auch Katja Riemann nur in einigen wenigen Szenen vorbeischauen), kommt gerade der Comedy-Faktor innerhalb des Filmes nicht zu kurz. Etablierte sich „Heul leise!“ 2013 zum Komödien-Kultspruch des Jahres hat Dagtekin in der Fortsetzung gleich eine Handvoll Pointen dieses Kalibers, die eine ähnlich hohe Chance haben, in den nächsten Wochen von der Zielgruppe zitiert zu werden. Auch der zwar schematisch ausgeführte aber kreativ umgesetzte Kampf des snobistischen Schiller-Gymnasiums mit den Schwachmaten der Goethe-Gesamtschule verleiht dem Film viele komische Momente.

Hauptquelle jener Sprüche ist auch hier erneut Jella Haase („Kriegerin“). Die Jungschauspielerin hat sich vom Sidekick zur zweiten Hauptfigur hochgearbeitet und spielt ihre Rolle der Chantal erneut mit viel Herzblut und einem exzellenten Timing-Gespür. Dasselbe gilt für Elyas M’Barek („Who Am I – Kein System ist sicher“), der zur Freude des weiblichen Publikums hier fast ausschließlich oben ohne rumlaufen darf und sich mehr schlecht als recht mit seiner Lage arrangiert hat. Die Glaubwürdigkeit des emotionalen Zwiespalts geht M’Barek aufgrund des seichten Skripts jedoch ab. Als sehr angenehmer Neuzugang erweist sich der im Film unter dem Asperger-Syndrom leidende Lucas Reiber („Becks letzter Sommer“) alias Etienne. Der Umgang mit seinem Charakter erweist sich zunächst als schwierig; Bora Dagtekin versucht, eine aus Teenager-Sicht glaubwürdige Betrachtungsweise seines für Außenstehende merkwürdig anmutenden Verhaltens zu kreieren. Auch hier kommt der Regisseur und Drehbuchschreiber nicht ohne Überhöhung aus und droht, immer mal wieder ins Lächerliche abzudriften. Doch die Tatsache, dass er respektive die Schüler eben nicht über ihren Kameraden lachen, sondern das Skript deutlich macht, dass das auf den ersten Blick abschätzige Verhalten lediglich aus der Unwissenheit von Etiennes Klassenkameraden resultiert, festigt den Eindruck mit dem Involvieren einer solchen Figur einen richtigen Weg gegangen zu sein.

Jella Haases Figur der Chantal geht in

Jella Haases Figur der Chantal geht in „Fack ju Göhte 2“ unter die Youtuber.

Fazit: Bora Dagtekin kann mit „Fack ju Göhte 2“ nicht an die Qualitäten des ersten Films anknüpfen. Konzentriert man sich nur auf den Inhalt, droht das Projekt gar, vollends in seine Einzelteile zu zerfallen. Doch glücklicherweise hat der Regisseur ja auch noch seinen Cast und kann darüber hinaus erneut mit so vielen guten Gags und Ideen aufwarten, dass „Fack ju Göhte 2“ trotzdem einen enormen Spaß bereitet.

„Fack ju Göhte 2“ ist ab dem 10. September bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen

8 Kommentare

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