Maze Runner – Die Auserwählten: Im Labyrinth

Noch eine Jugendfantasy-Buchverfilmung? Von wegen! Wenngleich sich die Versatzstücke des Genres stets ähneln, beweist der Regisseur von MAZE RUNNER – DIE AUSERWÄHLTEN: IM LABYRINTH, wie es richtig geht und serviert uns einen Abenteuerfilm alter Schule und kombiniert diesen mit Mitteln des modernen Hollywoodkinos. Weshalb die Produktion auch Zuschauer außerhalb der anvisierten Zielgruppe gefallen dürfte, verrate ich in meiner Kritik. 

Der Plot

Als der junge Thomas (Dylan O’Brien) eines Tages plötzlich auf einer Lichtung aufwacht,  kann sich an nichts mehr erinnern – außer seinem Vornamen. Bald erfährt er, dass dieser fremde Ort inmitten eines aus meterhohen Felsen gebauten Labyrinths liegt, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Nacht für Nacht ändert der Irrgarten seine Wege, wenn die Mauern, zwischen denen alienartige Wesen hausen, ihren Standort unberechenbar verändern. Aber Thomas ist nicht allein. Mit ihm sind viele andere Jungen im Labyrinth gefangen, die ebenfalls ihr Gedächtnis verloren haben wie Newt (Thomas Brodie-Sangster), Alby (Aml Ameen), Gally (Will Poutler) und Minho (Ki Hong Lee). Eines Tages ist ein Mädchen die Neue auf der Lichtung. Sie heißt Teresa (Kaya Scodelario) und soll „die Letzte“ sein, wie sie selbst behauptet. Gemeinsam versuchen sie einen Weg in die Freiheit zu finden und das unheimliche Geheimnis zu lüften: Wer hat sie hergebracht und warum?

Kritik

Zu viele Köche verderben den Brei: Dieses simple Sprichwort lässt sich auf so ziemlich jede Lebenslage des Alltags anwenden. Auf das moderne Blockbusterkino umso mehr. Das beste Beispiel hierfür sind vornehmlich all jene Teenie-Dystopien und –Fantasystreifen, die in den vergangenen Jahren versuchten, so viele jugendaffine Themen in sich zu vereinen wie nur möglich. Erste Liebe, zwischenmenschliche Probleme und das obligatorische Schielen zu übersinnlichen Phänomenen lassen die Regisseure gern einmal verzweifeln. Ein fehlender, stimmiger Einheitston verschreckt an dieser Stelle zumeist das Publikum, das nicht in die anvisierte Zielgruppe der Heranwachsenden passt. Da wirkt der Versuch der Macher von „Maze Runner – Die Auserwählten: Im Labyrinth“ umso gewagter. Regisseur Wes Ball, dessen animierter Kurzfilm „Ruins“ vor rund drei Jahren das Publikum betörte und der eher zufällig den Platz auf dem Regiestuhl angeboten bekam, legt die Filmadaption des gleichnamigen Weltbestsellers als eine Vereinigung aus drei verschiedenen Erfolgsfilmen an. Sein überraschendes Spielfilmdebüt begeistert als Kombination aus „Die Tribute von Panem“ und dem Survival-Klassiker „Der Herr der Fliegen“, mengt eine große Portion „Lost“ bei und garniert das Ganze mit Effekten der Marke „Alien“. Das dieses auf den ersten Blick kaum zusammenpassende Arrangement solch unterschiedlicher Produktionen mit noch unterschiedlicherer Zielgruppenzuordnung auf (fast) ganzer Linie funktioniert, liegt zum einen an der stilsicheren Regieführung Wes Balls; zum anderen verlässt sich der Filmemacher in Erzählweise und Gestaltung kaum auf gängige Sehgewohnheiten. Sein Beitrag zum modernen Young-Adult-Kino ist trotz Bezugnahme auf bekannte Filmtitel ein durch und durch frischer Genrebeitrag, der stilistisch überrascht und vor allem visuell ein großes Ausrufezeichen hinter das Können des Spielfilm-Debütanten setzt.

Schon der kultige Science-Fiction-Actioner „The Cube“ offenbarte Ende der Neunzigerjahre, wie viel Faszination in einem Irrgarten steckt. Die gern gesehene Jahrmarktattraktion wurde in dem kanadischen Schocker zu einem High-Tech-Gefängnis; die Insassen darin zu Gefangenen ihrer eigenen Ängste. Auch „Maze Runner – Die Auserwählten: Im Labyrinth“ spielt mit der Urfurcht vor dem Unbekannten, symbolisiert von ebenjenem überwältigendem Steinlabyrinth, das die Lichtung der jugendlichen umgibt. Schon das Plakat offenbarte, wie mächtig und einschüchternd das Zuhause der jungen Erwachsenen durch die meterhohen Felsen von der Zivilisation abgetrennt ist. Doch viel angsteinflößender ist das Warum und damit einhergehend die Frage nach dem Sinn und Zweck dieser Abgeschiedenheit. Insbesondere die erste Hälfte thematisiert die innere Zerrissenheit der Figuren vortrefflich. Der lange Zeit ausschließlich männliche (!) Cast hat sich einerseits mit der fragwürdigen Situation arrangiert, sehnt sich jedoch zeitgleich nach dem Aufbegehren gegen die vermeintliche Obrigkeit, die für die Gefangenschaft der Unschuldigen verantwortlich ist. Zu Identifikation mit dem Publikum dient vorrangig die Figur des Thomas, dessen Allerweltsname sicherlich kein Zufall ist. Der einem jüngeren Publikum durch „Teen Wolf“ bekannte Hauptdarsteller überzeugt durch sein zielloses Auftreten und legt sukzessive eine beeindruckende Selbstsicherheit an den Tag. Dadurch, dass der Zuschauer den Lebensweg Thomas‘ ab dem Eintreffen auf der Lichtung verfolgt, stellt sich für das Publikum schnell die Frage, wie es selbst in solch einer Situation reagieren würde. Lässt man sich schließlich darauf ein, auf eine solche Weise ins Geschehen involviert zu sein, kann „Maze Runner“ nicht bloß als oberflächliches Action-Adventure unterhalten, sondern fördert nach und nach existenzielle Fragen über unser aller Leben zutage. Wer sich allerdings dagegen sträubt, wird der Produktion alsbald kaum mehr abgewinnen können, als Blockbustern der Marke „Panem“, „Divergent“ und Co.

Überzeugt der Überlebensfight sowie das Bemühen um einen Ausweg als dystopischer Fantasy-Actioner geraten besonders die Szenen auf der Lichtung intensiv. Erinnernd an das eingangs erwähnte Überlebensdrama „Der Herr der Fliegen“ gelingt es Wes Ball, das Zusammenleben der Jugendlichen als Kampf um das eigene Ich darzustellen. Schaffen es einige Figuren, ihr eigenes Wohlbefinden zu Gunsten der Gemeinschaft hintenanzustellen, starten andere wiederum einen regelrechten Ego-Trip. Damit gelingt es „Maze Runner“, anders als ähnlich gelagerter Fantasy-Kost, Zwischentöne zu schaffen, die über die Frage nach dem „Warum“ hinausgehen und stellenweise fast dramatische Züge anzunehmen, die auch weniger genreaffines Publikum überzeugen kann.

Während sich unter den Figuren, die trotz ihrer auf den ersten Blick ähnlich gelagerten Charakterisierung, kaum ein Darsteller in den Vordergrund zu spielen vermag, sondern jeder Akteur seinen Anteil zum stimmigen Gesamtbild beiträgt, kristallisiert sich ein anderer Faktor in Gänze als Blickfang und Protagonist heraus: Das titelgebende Labyrinth überzeugt nicht bloß in seiner visuellen Aufmachung, sondern begeistert insbesondere aufgrund seiner realistischen Aufmachung. Trotz seiner überwältigenden Größe avancieren die kammerspielartigen Szenerien innerhalb des Irrgartens durch seine Enge und legen auch aufgrund der sich bewegenden Mauern eine ungeheure Dynamik an den Tag. Dabei gelingt es Kameramann Enrique Chediak, sein ganz unterschiedliches Können zu vereinen: Bewies er in „127 Hours“ sein Blick für die Vielfalt im Detail auf kleinstem Raum schuf er in „28 Weeks Later“ das Einfangen einer visuell möglichst ausladenden Bedrohung. Auch „Maze Runner“ lässt Chediak für beides Platz, immerhin ist das Labyrinth ausladend und beengend zugleich. Innerhalb des Irrgartens regieren derweil merkwürdige Monster das Geschehen, die in ihrer Symbiose aus außerirdischem Wesen (Stichwort: „Alien“) und technischer Maschine zunächst recht gewöhnungsbedürftig daherkommen, sich im Laufe der Zeit allerdings tatsächlich als äußerst bedrohlich erweisen.

Insgesamt umfasst das Abenteuer um die Auserwählten ganze drei Romane. Nach dem beeindruckenden Erfolg des Auftaktfilms (in den USA gelang „The Maze Runner“ einer der zehn erfolgreichsten September-Starts aller Zeiten) darf sich das Publikum wohl schon jetzt auf die nächsten beiden Verfilmungen freuen. Aus Spoilergründen seien die Folgetitel an dieser Stelle nicht verraten. Fakt ist jedoch, dass „Maze Runner – Die Auserwählten: Im Labyrinth“ trotz seines sehr guten Gesamteindrucks an einer typischen Blockbusterkrankheit des 21. Jahrhunderts leidet: Trotz seiner ordentlichen Laufzeit von knapp zwei Stunden, die sich besonders zu Beginn viel Zeit für die Einführung der Charaktere nimmt, gelingt es dem Autorenteam um Noah Oppenheim nicht, die einheitliche Gesamtdynamik bis zum Finale durchzuziehen. Zu Gunsten eines, zugegeben beeindruckenden, Cliffhangers zur Fortsetzung, rast „Maze Runner“ innerhalb der letzten zehn Minuten von Wendung zu Wendung und zelebriert Tötungen diverser Haupt- und Nebenfiguren fast beiläufig. Das ist zwar ebenfalls schockierend, dennoch hätte man sich für die nach und nach liebgewonnenen Charaktere einen etwas liebevolleren Umgang gewünscht.

„Maze Runner – Die Auserwählten: Im Labyrinth“ ist ab dem 16. Oktober bundesweit in den Kinos zu sehen!

Erschienen bei Deadline-Magazin.de

Erschienen bei Quotenmeter.de